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Politik Ausland
07/10/2020

Hagia Sophia: Erdoğan erhält „seine“ Moschee

Das Weltkulturerbe in Istanbul wird nach Richterurteil muslimische Gebetsstätte. Das löst international Empörung aus.

von Walter Friedl

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gab den Entscheidungsträgern des Obersten Verwaltungsgerichts wenig Zeit. Er hatte den 15. Juli im Auge, den Tag des Putschversuchs im Land am Bosporus vor vier Jahren. An diesem Tag wolle er schon in der Hagia Sophia beten, hieß es. Und die Richter folgten diesem Wunsch zeitgerecht. Am Freitag verkündeten sie, dass die Hagia Sophia, das weltberühmte Bauwerk im Herzen Istanbuls, in eine Moschee umgewandelt werden kann – derzeit ist es ein Museum.

Das erste Mal soll das Freitagsgebet dort bereits am 24. Juli stattfinden, teilte Erdoğan Freitag Abend mit.

„Allahu Akbar“ (Gott ist groß) – mit diesem Ausruf versammelte sich spontan eine Gruppe von Befürwortern des Urteils vor der Hagia Sophia, die im 6. Jahrhundert erbaut wurde und fast 1.000 Jahre lang die größte Kirche der Christenheit war (siehe auch unten rechts). Die Polizei sperrte den Platz ab, um Zusammenstöße zu verhindern.

Spannungen

Denn in der Bosporus-Metropole, in der Erdoğan aufgewachsen und groß geworden ist, trifft das islamisch-nationalistische Regierungslager auf eine starke säkular-moderne Opposition, die auch den Oberbürgermeister stellt. Nach dem Richterspruch drohen die Spannungen zu steigen, zumal er als Schlag gegen den Laizismus gesehen werden kann, den Staatsgründer Atatürk rigoros eingeführt hat. Er war es, der die damalige Moschee in ein Museum umwandeln ließ.

Erhöhte Spannungen sind jetzt auch mit dem Nachbarn Griechenland programmiert. Kulturministerin Lina Mendoni: „Es ist eine Provokation für die zivilisierte Welt.“ Hintergrund: Die Hagia Sophia (Heilige Weisheit) hat nach wie vor großen Stellenwert in der orthodoxen Kirche.

Aus demselben Grund waren auch aus Russland mahnende Worte gekommen: „Die Bedrohung der Hagia Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation – und damit für unsere Geistlichkeit und Geschichte“, betonte der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill. Nach dem Urteil hieß es aus dem Moskauer Patriarchat empört: „Die Sorgen von Millionen von Christen wurden nicht gehört.“ Da Kremlchef Putin stets an der Seite der russischen Orthodoxie steht (und umgekehrt), könnte es zu neuen politischen Verwerfungen kommen.

All diese Einwände schlug Erdoğan aber ebenso in den Wind wie den Appell der UNESCO, den Status des Weltkulturerbes zu verändern, und die Warnung der EU, dass damit die Offenheit und Toleranz Istanbuls aufs Spiel gesetzt werde. Der Präsident ließ stattdessen seinen Justizminister zur Gegenoffensive ausrücken: Was mit der Hagia Sophia geschehe, sei allein Sache der Türkei, sagte Abdulhamit Gül trotzig.

70 Prozent der Türken dafür

Die Umwandlung der ehemaligen christlichen Kirche in eine muslimische Gebetsstätte steht schon länger auf der Agenda religiös-konservativer Kreise in der Türkei. Und die Sache ist durchaus mehrheitsfähig. In Umfragen sprachen sich rund 70 Prozent der Türken für diesen Schritt aus.

Erdoğans Beliebtheit fiel

Erdoğan ergriff jetzt die Chance am Schopf, um die nationalistisch-religiöse Karte zu spielen. Denn um seine Beliebtheit war es zuletzt schlecht bestellt. Die Gründe dafür: Die Wirtschaft schwächelte schon vor der Corona-Krise massiv, das Management der Pandemie war anfänglich chaotisch, und der große Devisenbringer, der Tourismus, brach komplett weg.

Der Entlastungsangriff traf nun die Hagia Sophia.

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