Politik | Ausland
12.11.2016

Ein Jahr nach Bataclan-Anschlag: "Schwer, das hier in Worte zu fassen"

Tiroler Band war bei Anschlag auf Pariser Club Bataclan vor Ort. Schlagzeuger Loferer: "Wir werden so oder so immer ein Teil dieser Geschichte sein und die Geschichte ein Teil von uns."

Am Samstag wird der Pariser Konzertclub Bataclan nach knapp einem Jahr Schließzeit von Musiker Sting wiedereröffnet. Am 13. November 2015 war das Venue einer der Schauplätze eines terroristischen Angriffs, bei dem Islamisten in der französischen Hauptstadt insgesamt 130 Menschen töteten. Direkt vor Ort war auch das Tiroler Duo White Miles, das als Vorband der Eagles Of Death Metal spielte.

Die Rockband, bestehend aus Sängerin und Gitarristin Medina Rekic sowie Schlagzeuger Hansjörg "Lofi" Loferer, war zum Zeitpunkt des Angriffs glücklicherweise nicht im Bataclan - sie hatte ihr Set schon absolviert. Der APA - Austria Presse Agentur beantwortete Loferer per E-Mail Fragen zum Jahrestag des Terrorangriffs und erzählte auch, wie man mit dem gesteigerten Interesse an der Band aufgrund des Anschlags umgeht.

APA: Der Terroranschlag auf das Bataclan jährt sich am Sonntag zum ersten Mal. Wie geht es Ihnen grundsätzlich damit, dass deshalb nun wieder verstärkt in den Medien darüber zu lesen ist?

Hansjörg "Lofi" Loferer: Interesse steuert die Wahrnehmung. Da sich mein Interesse an Pressemeldungen bezüglich des Bataclan in Grenzen hält, bekomme ich da auch nicht viel mit. Dass es sich nun bald jährt, ist mir natürlich vollkommen bewusst.

APA: Sie selbst waren damals beim Angriff nicht in der Halle. Sind die Erinnerungen an die Ereignisse noch sehr präsent oder versucht man das zu verdrängen?

Loferer: Wir hatten das gesamte Jahr über so viele, schöne Eindrücke und Erlebnisse, dass derartige Erinnerungen nicht den gedanklichen Vordergrund im Alltag darstellen.

APA: Nur drei Monate nach dem Anschlag, Mitte Februar, haben Sie gemeinsam mit den Eagles Of Death Metal wieder in Paris gespielt. Wie wichtig war der Auftritt rückblickend, um das Erlebte zu verarbeiten?

Loferer: Wie wir damals im Februar schon gesagt haben, war dieser Gig verdammt wichtig für unseren Kopf und Seele. Paris war auch im April und nochmals gerade vor zwei Wochen am Tourplan, und jedes dieser Konzerte hat einen ganz besonderen Stellenwert für uns. Das was im Bataclan passiert ist, hat zu sehr vielen engen Freundschaften und Verbindungen geführt, die, so komisch das für Außenstehende klingen mag, ohne die Tragik der Ereignisse wohl nicht in der Form entstanden wären. Wir feiern mit diesen Menschen jedes Mal Geburtstag, wenn wir uns treffen, das ist wohl unsere gemeinsame Therapie.

APA: Es gab ja besonders in den ersten Wochen und Monaten nach dem Anschlag großes mediales Interesse an Ihrer Band - wie geht man mit so etwas um, dass das mit so einem schlimmen Ereignis verbunden ist?

Loferer: Wir alle wissen, dass die Presse sensationsgeil ist. Das aber zu erleben ist etwas völlig anderes, damit muss man umgehen lernen und entsprechend darauf reagieren - einige Journalisten verstehen dich aber auch und verhalten sich dementsprechend. Mit den anderen sprichst Du einfach nicht, außer Du willst Dein Gesicht in der Boulevardpresse sehen. Das haben wir aber so gut wie eben möglich vermieden. Was da aber in so einen Moment über Dich hereinbricht, ist echt schwer zu beschreiben, wenn du es nicht erlebt hast.

APA: Ihr wart in den vergangenen Monaten wieder viel unterwegs, habt etliche Konzerte gespielt: Kann man da wieder so locker sein wie früher?

Loferer: Das Verhalten und Gefühl von Medina und mir auf der Bühne ist ein Spiegelbild der Response und Energie des Publikums - es waren viele schöne und sorgenfreie Gigs in diesem Jahr.

APA: Was kommt euch in den Sinn, wenn ihr heute an Paris denkt?

Loferer: Paris wird immer einen besonderen Stellenwert einnehmen, natürlich auch aufgrund der Ereignisse, aber Paris ist weitaus mehr als nur der 13. November für mich - wenn Sie das meinen. Es ist aber schwer, das hier in Worte zu fassen. Es ist ein intensives, oft freudvolles und auch durchaus dankbares Gefühl, wie gesagt schwer zu beschreiben.

APA: Das Bataclan wird am Samstag mit einem Auftritt von Sting wiedereröffnet. Würden Sie dort wieder ein Konzert geben oder das Venue zumindest besuchen? Ist das vielleicht sogar wichtig, um endgültig mit diesem Tag abschließen zu können?

Loferer: Ich würde am liebsten selber dort ein Konzert spielen, aber "abschließen" klingt mir zu endgültig. Wir werden so oder so immer ein Teil dieser Geschichte sein und die Geschichte ein Teil von uns.

Chronologie des schwersten Anschlags in der Geschichte Frankreichs

Es war der schwerste Anschlag in der Geschichte Frankreichs: Islamisten töteten vor einem Jahr in Paris bei Angriffen auf die Fußballarena Stade de France, auf die Konzerthalle Bataclan und auf eine Reihe von Bars und Restaurants 130 Menschen. Eine Chronologie des Abends des 13. November 2015:

- 21.17 Uhr: Während des Fußball-Länderspiels Frankreich gegen Deutschland ist im Stade de France in der Pariser Vorstadt Saint-Denis plötzlich eine Explosion zu hören: Am Eingang D des Stadions sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und reißt einen Passanten mit in den Tod. Eine gute halbe Stunde später werden zwei weitere Terroristen an anderen Eingängen ihre Sprengstoffgürtel zünden und mehrere Menschen verletzen.

- 21.25 Uhr: Nahe des Kanals Saint-Martin im Osten von Paris eröffnen drei Islamisten das Feuer auf Gäste des Asia-Restaurants "Le Petit Cambodge" und der gegenüberliegenden Bar "Le Carillon". 14 Menschen werden im Kugelhagel getötet. Unter den drei Angreifern ist auch der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud.

- 21.32 Uhr: Das "Terrassenkommando", wie es die Ermittler später nennen, fährt in einem schwarzen Seat weiter und schießt mit Schnellfeuergewehren auf Gäste des nahe gelegenen Restaurants "Bonne Biere" und der Pizzeria "Casa Nostra". Fünf Menschen sterben.

- 21.36 Uhr: In der weiter südlich gelegenen Rue de Charonne attackieren die Islamisten das Restaurant "La Belle Equipe", es gibt 20 Tote. Knapp einen Kilometer weiter zündet einer der Terroristen im Cafe "Le Comptoir Voltaire" seinen Sprengstoffgürtel und verletzt einen Menschen schwer. Die beiden anderen Islamisten tauchen unter und werden fünf Tage später bei einem Polizeieinsatz in Saint-Denis nördlich von Paris erschossen.

- 21.40: Drei weitere Islamisten stürmen mit Kalaschnikows die Konzerthalle Bataclan, in der die US-Band Eagles of Death Metal vor rund 1.500 Zuhörern ein Konzert gibt. Die Angreifer schießen in die Menge. Im Laufe der mehr als zweieinhalbstündigen Geiselnahme töten sie 90 Menschen.

- 21.54 Uhr: Einem Polizisten gelingt es, noch vor Eintreffen der Spezialeinheiten in das Bataclan zu gelangen. Im Inneren des Clubs erschießt er einen Islamisten, muss sich dann aber zurückziehen. Die beiden anderen Angreifer verschanzen sich mit Geiseln im Obergeschoß.

- 22.15 Uhr: Spezialeinheiten kommen am Bataclan an und sichern nach und nach das Innere der Konzerthalle.

- 22.30 Uhr: Frankreichs Präsident Francois Hollande trifft zu einer ersten Krisensitzung im Innenministerium ein.

- 22.52 Uhr: Im Stade de France wird das Spiel Frankreich-Deutschland abgepfiffen, es endet 2:0. Die Zuschauer werden nach und nach von Sicherheitskräften aus der Arena gebracht. Die deutsche Nationalmannschaft harrt noch bis zur Entwarnung am Morgen im Stadion aus und wird dann direkt zum Flughafen gebracht.

- 23.15 Uhr: Im Bataclan gelangen die Elitepolizisten zur Tür eines Ganges, auf dem sich die beiden noch lebenden Islamisten mit ihren Geiseln aufhalten. Es beginnen telefonische Verhandlungen.

- 23.55 Uhr: Hollande hält eine TV-Ansprache. In einer anschließenden Kabinettssitzung wird über ganz Frankreich der Ausnahmezustand verhängt.

- 00.18 Uhr: Die Elitepolizisten stürmen den Gang im Bataclan. Einer der Islamisten wird erschossen, der andere sprengt sich in die Luft. Alle verbleibenden Geiseln können gerettet werden.

Ein Hoch auf das Leben nach einem Abend des Grauens

" Sting im Bataclan - ohne mich", sagt Fred Dewilde und lacht. Wenn die Pariser Konzerthalle am Samstagabend knapp ein Jahr nach den Anschlägen vom 13. November wieder öffnet, will der 49-Jährige auf keinen Fall dabei sein. Dewilde ist einer der Überlebenden des Anschlags auf das Bataclan als Islamisten 90 Menschen töteten. Seine Erlebnisse hat der Zeichner nun in einem Comic verarbeitet.

Es ist ein milder Abend am 13. November 2015, rund 1.500 Menschen drängen sich im Bataclan. Sie jubeln der US-Band Eagles of Death Metal zu, die gerade "Kiss the devil" (Küss den Teufel) singt. Plötzlich stürmen drei schwarz gekleidete Männer mit Sprengstoffgürteln und Schnellfeuergewehren den Saal. Sie schießen in die Menge. Schreie, Tumult, die Musiker können sich über den Bühnenausgang retten. Anders als viele Konzertbesucher, die getroffen zu Boden stürzen.

In eindringlichen schwarz-weißen Bildern zeigt Dewilde, wie er den Abend im Bataclan erlebt hat. Auch er lässt sich fallen, um dem Kugelhagel zu entgehen. Neben ihm liegt eine junge Frau, sie ist an den Beinen verletzt. Rund zwei Stunden lang werden sie dort ausharren, während die Islamisten weiter auf Menschen schießen. "Wir haben uns tot gestellt, um leben zu können", heißt es in einer Zeichnung.

In Dewildes Comic "Mon Bataclan" (Mein Bataclan) tragen die Islamisten Totenköpfe. "Für mich waren die Terroristen schon tot, als sie ins Bataclan kamen, sie hatten jede Menschlichkeit verloren." Deshalb hat er sie als Skelette gezeichnet.

Dewilde arbeitet als Illustrator für die Pharmaindustrie, er zeichnet menschliche Organe oder Körperteile, um die Wirkung von Medikamenten zu verdeutlichen. Für ihn lag es nahe, die Ereignisse in einem Comic zu verarbeiten. "Ich wollte die Ereignisse zeigen, ohne ins Blutrünstige zu verfallen. Für mich wäre es völlig sinnlos gewesen, von Kugeln durchlöcherte Körper zu zeichnen." Deshalb sei "jede Seite, jedes Bild" schwierig gewesen.

Überrascht hat ihn, dass sein kurz vor dem Gedenktag veröffentlichter Comic weltweit auf Interesse stößt. Der Zeichner hat Interview-Anfragen aus Europa und Amerika bekommen und sogar aus Japan und China. Sein Verleger Emmanuel Lemieux hat das Buch kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Er sagt: "Wir hoffen, dass es bald auch eine deutsche Übersetzung gibt."

Das große Interesse gründet auch darauf, dass Dewilde trotz des Grauens für seine Leser eine Botschaft der Versöhnung bereit hält. Im zweiten Teil seines Buches schildert er in Texten und Bildern, wie er mit der Erinnerung umgeht und dank seines Sinns für schwarzen Humor überlebt.

Rachegelüsten erteilt er eine Absage: "Ich habe genug Leichen, Blut, Tränen und Angst für gleich mehrere Leben gesehen. Ich habe gesehen, zu was der Hass führt. Also seien wir doch wenigstens ein Mal nicht so dumm und entscheiden uns für das Leben."

Auch Sting will mit seinem Auftritt am Samstagabend im Bataclan "die Musik und das Leben feiern", wie er auf seiner Webseite schreibt. Aber vor allem will er die Opfer ehren: "Wir werden sie nie vergessen."

Fred Dewilde ist bereits Anfang Oktober zum ersten Mal mit anderen Überlebenden in den renovierten Konzertsaal zurückgekehrt. "Das war echte Konfrontationstherapie", sagt er. "Ich könnte niemals wieder ein Konzert im Bataclan hören." Er zögert und fügt hinzu: "Aber wer weiß - vielleicht schaffe ich auch das irgendwann."