Politik | Ausland
05/05/2019

Die verblasste Rainbow Nation Südafrika

Vor 25 Jahren wurde Mandela Präsident. Chancen für alle gibt es noch immer nicht. Das erzeugt viel Frust.

Ein Zutritt für „Weiß“, ein Zutritt für „Schwarz“ – je nach dem, welches Ticket man erwischt, muss man den entsprechenden Eingang benutzen. Auf beklemmende Weise macht das Apartheid-Museum in Johannesburg die frühere Trennung der Menschen nach Hautfarbe in Südafrika spürbar. Zeitlebens kämpfte Nelson Mandela mit seinen Mitstreitern dagegen an, wurde deswegen 27 Jahre lang ins Gefängnis gesteckt.

Doch letztendlich konnte er das System besiegen – und wurde am 9. Mai 1994 als erster Schwarzer Präsident des Landes. 25 Jahre ist das her, doch was wurde aus der von der Freiheitsikone angestrebten „Rainbow Nation“, also dem gleichberechtigten Miteinander aller Südafrikaner?

„Gerade bei den Jungen – man muss bedenken, dass zwei Drittel der Einwohner unter 35 Jahre sind – gibt es viel Enttäuschung und Frust“, sagt Melanie Müller, Südafrika-Expertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, zum KURIER. „Born Free“ – so nennt man die nach dem Ende der Apartheid Geborenen. „Doch viele lehnen den Begriff komplett ab. Deren Argument: Die derzeitige ökonomische Freiheit unterscheide sich in keiner Weise zu der während der Apartheid-Zeit“, betont die deutsche Wissenschaftlerin.

Es fehlt an Jobs. Offiziell liegt die Arbeitslosenrate bei 27 Prozent, unter den Jugendlichen hat aber jeder Zweite keine Arbeit. Die Folge: 55 Prozent der Südafrikaner leben in Armut (mit maximal 70 Euro pro Monat), „zum Großteil sind das Schwarze oder Colored“, erläutert die Expertin. Mehr als die Hälfte aller Jugendlicher zwischen 18 und 24 Jahren hat nicht genug Bares, um die Schul- oder Uni-Gebühren zu begleichen.

Falls ein Schwarzer nach dem Hochschulabschluss das Glück habe, einen Job zu finden, würde ihm nicht viel bleiben. „Denn die Familie erwartet, das er dann für alle aufkommt. Im Land nennt man das eine zusätzliche ,black tax’“, sagt Melanie Müller.

Große Kluft Arm-Reich

Ganz begraben will sie die Vision der „Rainbow Nation“ aber nicht: „Man muss wissen, woher Südafrika kommt: Während der Apartheid wurden 90 Prozent der Bevölkerung bewusst ungleich gestellt, nur zehn Prozent wurde eine ökonomische Entwicklung zugestanden.“ Damals, im Jahr 1990, hätten nur 35 Prozent einen Stromanschluss gehabt, jetzt seien es 85 Prozent, es gebe faire und freie Wahlen, eine unabhängige Justiz, eine starke Verfassung. Und sechs Millionen Schwarze konnten das schlimmste Elend hinter sich lassen und in die Mittelschicht aufsteigen.

Allerdings: Die Kluft zwischen Arm und Reich ist weiterhin dramatisch, wie auch die Weltbank konstatiert. „Das Land ist nach wie vor gespalten. Dafür bin ich nicht 22 Jahre lang in Haft gesessen“, klagt Denis Goldberg an. 85 Jahre ist der einstige Weggefährte Mandelas, wegen Lungenkrebses ist er schon auf einen Rollstuhl angewiesen, doch das hindert den Weißen nicht, für eine geeinte und gerechtere Nation zu kämpfen.

Einen wesentlichen Beitrag zu der Misere lieferte der frühere Präsident Jacob Zuma. In seiner Amtszeit (Mai 2009–Februar 2018) hat er die „state capture“ vorangetrieben: Er habe die Institutionen des Staates systematisch unterhöhlt, sie mit korrupten Günstlingen besetzt und Milliarden an öffentlichen Geldern abgezweigt, so Müller.

Laut Medienberichten sitzt etwa der Energieversorger Eskom auf einem Schuldenberg in der Höhe von umgerechnet 30 Milliarden Euro, das entspricht fast einem Zehntel der südafrikanischen Wirtschaftsleistung in einem Jahr. Für Wartungsarbeiten fehlen die Mittel, regelmäßige Stromabschaltungen sind die Folge. Der ökonomische Schwung ist längst verloren gegangen, ausländische Investoren bleiben aus, im Vorjahr rutschte das Land sogar in die Rezession.

ANC verliert Rückhalt

Es ist nun an dem relativ neuen Präsidenten Cyril Ramaphosa, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Schon Mandela wollte ihn als seinen Nachfolger, setzte sich aber nicht durch. Auch jetzt wird es der 66-Jährige nicht leicht haben. Seine Partei, der „African National Congress“ (ANC), ist tief gespalten und noch ganz stark von alten Zuma-Kadern durchsetzt.

Wahlen am Mittwoch

„Momentan präsentiert sich der ANC geschlossen. Das hängt aber mit den Parlamentswahlen vom kommenden Mittwoch zusammen. Hier will man sich keine Blöße geben“, analysiert Müller.

Tatsächlich hat die frühere Befreiungsbewegung kontinuierlich an Zustimmung verloren. „Viele haben das Gefühl, dass sich sowieso nichts ändert“, sagt die SWP-Expertin. Folge: Für diesen Urnengang haben sich 9,2 Millionen der 35,2 Millionen Wahlberechtigten nicht einmal registrieren lassen, das heißt: Jeder Vierte verweigert. „Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen apolitisch sind. Viele engagieren sich in der Zivilgesellschaft, etwa bei NGOs“, stellt Müller klar.

Appell für Einheit

Um sein eigenes Klientel zu mobilisieren, wagte sich Ramaphosa auf ein gefährliches Terrain: Im Parlament lässt er die Enteignung von Grund und Boden (immer noch zu 72 Prozent in weißer Hand) ohne Entschädigung – unter bestimmten Bedingungen – diskutieren. Die Landfrage ist in Südafrika nach wie vor eine hoch brisante und sensible. Und der frühere ANC-Jugendchef, Julius Malema, punktet in dieser Hinsicht mit seiner eigenen radikalen Partei. Ihr werden zehn bis zwölf Prozent der Stimmen zugetraut, der ANC liegt laut Umfragen bei rund 55 Prozent.

Einheitsfördernd ist das nicht, sind sich die Beobachter einig. Doch um genau die ginge es, weiß der alte Mandela-Weggefährte Denis Goldberg und richtet einen emotionalen Appell an alle: „Wenn wir in Frieden leben wollen, müssen wir die Menschen zusammenbringen. Arm und Reich. Schwarz und Weiß.“