© REUTERS/WOLFGANG RATTAY

Reportage
07/17/2021

Deutschland: „Noch deutlich mehr Tote zu befürchten“

Noch immer ist unklar, wie viele der Hunderten Vermissten noch am Leben sind, währenddessen versuchen die Menschen, mit der Katastrophe zurechtzukommen. Ein Lokalaugenschein.

Aus Ahrweiler, Petra Koruhn und Volker Lannert

Mechanisch arbeiten sie sich durch die Trümmer. Alte und Junge, Frauen und Männer, selbst Jugendliche packen an. Es wird kaum geredet. Der Schock sitzt tief. 90 Menschen starben im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz.

„Wir können es nicht fassen“, sagt ein Mann, der versucht, den Schlamm, der zwanzig Zentimeter dick auf dem Boden klebt, aus dem Wohnzimmer zu schaufeln.

„Alles ist möglich. Wir wissen nicht, was wir in den Kellern finden“, sagt ein Feuerwehr-Abschnittsleiter. „Leider müssen noch deutlich mehr Tote befürchtet werden.“

Dramatische Szenen

Noch steht ihnen allen die Angst ins Gesicht geschrieben. Und die Blicke auf ihre Häuser, die einst mit gepflegten Blumenkästen für Idylle standen, sind verhangen. „Werden wir je wieder hier wohnen können?“ Diese Frage liegt ihnen wie ein Stein auf der Seele. Und noch ist es nicht vorbei.

An vielen Stellen spielen sich immer noch dramatische Szenen ab. Nicht nur in Orten wie Ahrweiler oder Schuld. Auch im benachbarten Marienthal brechen Häuser ein und verschwinden wie Spielzeuge. Um nicht mit weggespült zu werden, bringen sich die Leute auf den Dächern in Sicherheit. Auf einem Haus spielt sich eine dramatische Szene ab: Eine junge Familie mit ihren zwei kleinen Kindern hat sich vor den Fluten auf das Spitzdach ihres Hauses gerettet. Sie hangeln sich hinauf.

Wer dabei zusieht, hat sofort Angst, dass sie nicht heil ankommen. Doch sie schaffen es. Gerade als sie oben sind, bricht die Vorderwand des Hauses ein. Die Anwohner auf der Straße schlagen die Hände vors Gesicht. Dann hört man das tröstende Geräusch: Ein Hubschrauber kommt und bringt die Familienmitglieder nacheinander in Sicherheit. „So etwas mit kleinen Kindern auszuhalten, das ist doch eigentlich unmöglich“, sagt jemand.

Trotz des Chaos in den Straßen laufen die Rettungsaktionen rund: „Wir haben bis zu 20 Hubschrauber im Einsatz“, sagt Lars Brummer von der Polizei Koblenz.

Dennoch werden im Minutentakt in Orten wie Marienthal, Schuld oder Ahrweiler Lebensträume und Existenzen vernichtet: Es sind nicht einmal alte Häuser, die einfach so in sich zusammensacken, sondern wundschöne neue, die aussahen, als könnte ihnen nichts etwas anhaben.

Doch dann kam die Flut. Die Anwohner selbst können es immer noch nicht glauben: Der Fluss Ahr, in den sich noch vor wenigen Tagen jemand mit einem Liegestuhl hineingesetzt hatte, war innerhalb von wenigen Stunden von 40 Zentimeter auf sieben bis acht Meter angeschwollen.

Beißender Geruch

Der schmale Fluss füllte plötzlich das ganze Tal aus. Mit einer Strömung, die alles mitriss, was sich in den Weg stellte: Autos, Brücken, Möbel. Ein beißender Geruch geht jetzt von dem Fluss aus, der sonst so friedlich durch die prachtvollen kleinen Urlaubsorte fließt. „Es stinkt so sehr, dass man irre Kopfschmerzen kriegt“, sagt ein junger Mann. „Das liegt am Öl, das in die Ahr geflossen ist, aus den Tanks“, erklärt ein älterer Herr, der nasse Sessel und Stühle von der Straße fischt.

Tagsüber versuchen sie, alle zusammen das Chaos zu beherrschen. Abends steigen sie auf die Weinberge. Wer Glück hat, hat einen Platz in einer Pension gefunden. Manche schlafen dort in ihren Autos. Doch viele haben ihre Autos verloren in der Flut. Die seien, so erzählen sie, aus Orten von oberhalb nahezu massenweise an ihnen vorbeigeschwommen. „Alle mit Rücklichtern an“, sagt eine Frau. „Durch einen Kurzschluss waren einfach die Lichter an. Es war gespenstisch.“

Strommangel

Selbst Gastanks seien durchs Wasser geschwommen. Weil die gezischt haben, rief ein Mann den Nachbarn zu: „Macht die Kerzen aus! Macht unbedingt die Kerzen aus!“. Weil der Strom ausgefallen ist, sind Kerzen die einzige Möglichkeit, ein wenig Licht zu haben. „Da hätte einen doch der Schlag treffen können.“

Jetzt sind sie auf Strom angewiesen. „Wir sind komplett abgeschnitten von allem“, sagt eine Frau und ist den Tränen nah. Telefon, Handy – nichts geht. Sie weiß nicht, ob ihre Eltern noch leben. „Meine Mutter hab ich noch über die Weinberge in das Haus ihrer Schwester laufen sehen, aber danach hab ich nichts mehr von ihr gehört.“ Lars Brummer von der Polizei sagt, dass man immer noch nicht weiß, wie viele Vermisste es gibt. „Wir haben einfach noch keinen Überblick.“

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