Politik | Ausland
03/15/2019

Der Schandfleck des Internets: Wo der Attentäter von Christchurch gefeiert wird

Auf der Plattform 4Chan jubeln Internettrolle über das Attentat auf die beiden Moscheen in Neuseeland.

"Denkt ihr auch, dass die dreckigen Muslime in Europa nun ein Leben in Angst führen müssen?“ Während die Welt über die Massaker in Christchurch fassungslos ist, macht sich auf der Plattform "4Chan" Häme und Jubel Breit: "Was meint ihr? Wie viele Kills hätte ein vollausgestatteter Space Marine geschafft?“, fragt ein User. "Kann irgendjemand, der einem Kinderschänder (gemeint ist Mohammed, Anm.) folgt, unschuldig sein?“, ein anderer.

Es wäre bereits verstörend genug, wenn Dialoge dieser Art in irgendwelchen Foren geführt werden – nur 4Chan ist ein wahres Massenmedium: Mehr als 700 Millionen Klicks erhält die Seite im Monat, das ist nur ein bisschen weniger, als die New York Times im Februar erhielt. Die Seite ist in verschiedene "Boards" unterteilt, also in verschiedene Themengebiete. Eines davon ist das "/pol/-Board“ – das „politisch inkorrekte Board“, auf dem Ultrarechte, Rassisten, Antisemiten und andere Extreme ihrem Hass auf die Welt freien Lauf lassen.

Der Attentäter, der seinen Amoklauf live auf Facebook gestreamt hatte, bezeichnet sich als „weißer Europäer“ der in Australien lebe und als „ethnonationalistischer Ökofaschist“. Er lobte die serbischen Massaker an bosnischen Muslimen. Auf seinen Waffen war das Datum der zweiten Wiener Türkenbelagerung – 1683 – aufgemalt. Er vergötterte in seinem Manifest Anders Breivik, US-Präsident Trump sei für ihn das "Symbol erneuerter weißer Identität und eines gemeinsamen Sinns".

"Er geht für unser Amüsement lebenslang ins Gefängnis", schreibt ein Nutzer, der als seine Landesflagge das Hakenkreuz angegeben hat. "Er wollte das Deus Vult-Meme", wird ihm geantwortet. Spätestens seit dem Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat“ (IS) geistern Fotos von Kreuzrittern im Netz herum, unter denen „Deus Vult“ – "Gott will es“ steht. In Anspielung auf die Kreuzzüge.

Der Attentäter hatte seine Tat auf 4Chan im Vorfeld angekündigt, hatte diverse Memes verwendet, die auf der Seite populär sind. Menschen wie er nennen sich „Poltards“ – eine Mischung aus dem pol-Board und der Bezeichnung „Retard“, also Vollidiot. Sie sind stolz darauf, anders zu sein als die anderen, nennen alle, die nichts mit ihrer Anschauung zu tun haben wollen, „Fucking Normalos“. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand ein Attentat auf dieser Seite angekündigt hatte – einige Schulmassaker nahmen ihren Anfang auf 4Chan.

 

Und trotzdem hat die Plattform Trends gesetzt, die mittlerweile von Sozialen Medien nicht mehr wegzudenken sind – etwa die Memes. Nahezu alle entstehen auf den Boards von 4Chan. Zur Zeit des US-Wahlkampfs 2016 wurde das Internet förmlich mit Memes von Fröschen mit blonder Perücke überschwemmt, ein Zeichen der Unterstützung für Donald Trump. Nach wie vor heften sich die User von 4Chan den Sieg ihres Posterboys auf die Fahnen, glauben, die Wahl durch ihren „Meme-War“ beeinflusst zu haben. 4Chan ist kein versteckter Ort in den Untiefen des Internets – es ist allenfalls dessen Kloake, aus der vieles wieder nach oben geschwemmt wird. Und mittlerweile sogar den Bildschirm verlässt und den Hass auf die Straße bringt.