Der Gesundheitszustand des Putin-Kritikers Nawalny hat sich verbessert

© APA - Austria Presse Agentur

Politik Ausland
12/22/2020

Den Geheimdienst per Telefonstreich überführt: Nawalny ist Gift für Putin

Dass der Oppositionelle Alexej Nawalny per Telefonstreich herausfand, dass ihn der FSB vergiftet hat, sorgt für Zores im In- und Ausland. Wer ist der Unbeirrbare, der den Kremlchef angreifbar macht?

von Evelyn Peternel

"Eine Frage noch: Es ist nicht problematisch, dass wir über eine ungesicherte Leitung sprechen?“ – „Nein. Wir haben ja nichts Besonderes besprochen.“

Fetzen eines Gespräches, das derzeit in Russland für Gelächter, diplomatische Sanktionen und wohl auch Köpferollen sorgen wird: Alexej Nawalny, der im Sommer einen Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok überlebt hat, hat herausgefunden, wie die Attacke auf ihn vonstatten ging – indem er einen involvierten FSB-Agenten per Telefonstreich zum Reden brachte. Der bestätigte Nawalny, der sich als rechte Hand des Chefs des russischen Sicherheitsrats ausgab, nicht nur, dass der russische Inlandsgeheimdienst den Fall zu verantworten hat, sondern auch kuriose Details. Etwa, dass das Gift in Nawalnys Unterhose platziert worden ist: „Im Inneren, dort, im Schritt“, ist auf dem Mitschnitt zu hören.

Wie tickt ein Mann, der die Chuzpe hat, so einen Gegencoup zu landen? Und was sagt das über Russlands Machtapparat aus?

Putins Voldemort

Nawalny, Jurist, 44 Jahre alt, ist – anders als viele im Westen glauben wollen – kein Liebkind der liberalen Putin-Gegner. Vielmehr gilt er den Russen als Populist; also als Charismatiker, der weiß, wie man sich inszenieren muss. In den 2000ern etwa engagierte er sich bei den extremen „russischen Märschen“, skandierte „Russland den Russen“ und „Terroristen sind Kakerlaken“ – das werfen ihm Kritiker heute noch vor. Mittlerweile hat er das Image des Nationalisten abgestreift und den Mantel des Korruptionsjägers angelegt: Er trat bei Wahlen an, obwohl ihn der Apparat daran hindern wollte, wurde zweimal in Schauprozessen verurteilt. Vor allem aber hat er mit seinem ziemlich großen, ausschließlich spendenfinanzierten Team durchschlagenden Erfolg mit Enthüllungen: Dass Ex-Premier Dmitrij Medwedew etwa sagenhaft reich ist oder Putins Familie und Freunde in dubiose Deals verwickelt sind, präsentiert er seinem Millionenpublikum – ganz Populist – nicht in den offiziellen und inoffiziellen Medien, sondern in pointierten Videos im Netz.

„Dumm und gefährlich“

Der Telefonstreich, binnen 24 Stunden 13 Millionen mal geklickt, passt da dazu. Nawalny lebt vom Image des unbeirrbaren Kritikers, der mit Selbstironie Stachel im Fleisch Putins ist. Für dessen Machtapparat ist das aber freilich Gift. Im Kreml beschäftigt sich zwar eine ganze Abteilung mit dem „Blogger“ oder „Berliner Patienten“, wie man ihn ausnahmslos nennt.

Doch auch diese Truppe konnte den Lapsus des FSB nicht verhindern. „Ich schreibe schon Jahre über den FSB und dachte noch nie, dass dort tolle Profis arbeiten. Aber Nawalnys Streich ist selbst für mich ein Schock. Die sind so dumm, das macht sie noch gefährlicher“, twitterte Investigativjournalistin Irina Borogan.

Dem Kreml scheint das nicht peinlich, im Gegenteil. Dort regiert man mit Zorn – und Spott: Dass Moskau am Dienstag europäische Diplomaten einbestellt hat und Sanktionen gegen deutsche, französische und schwedische Offizielle verhängt hat, ist nicht nur eine Reaktion auf jene Sanktionen, die die EU schon zuvor gegen Russland erlassen hatte. Es ist auch eine lächerlich machende Ohrfeige für eben jene Länder, die Nawalnys Vergiftung als bewiesen ansehen. Oder, wie Putins Sprecher Dmitrij Peskow am Dienstag sagte: Er habe Nawalnys neuestes Video zwar nicht gesehen, sei aber sicher, dass „der Patient Verfolgungswahn hat, auch Größenwahn kann festgestellt werden.“ Er sei „im Freud’schen Sinne fixiert auf seine Unterhosen-Zone.“

Ein intimes Detail, das den Kreml wohl noch länger beschäftigen wird.

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