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Politik Ausland
04/01/2019

Das Unterhaus und sein Dompteur

John Bercow - wie die mitunter wirren und lautstarken Debatten im britischen Unterhaus geregelt werden

von Konrad Kramar, Armin Arbeiter

Was anderswo eine meist eher zeremonielle Funktion ist, rangiert in Westminster irgendwo zwischen Schulmeister, Theaterregisseur und Komödiant – zumindest seit John Bercow den prestigeträchtigen Posten des „Speakers“, also des Unterhaus-Sprechers innehat. Gerade in der Debatte um den Brexit hat der frühere Abgeordnete der Konservativen inzwischen Starstatus. Allein seine mit marktschreierischer Wucht vorgebrachten Ordnungsrufe („order, order“) kriegen auch die wildeste Parlamentssitzung unter Kontrolle.

Speaker – ein historisch gefürchteter Job

Dabei war dieser Posten nicht immer beliebt: Wird im House of Commons ein neuer Speaker gewählt, muss er von den Parlamentariern auf seinen Platz gezerrt werden. Dieser Brauch hat seine Wurzeln in den Zeiten, als der Speaker dem Monarchen die Position des Hauses mitteilen musste, was oft mit dem Zorn des Königs endete.

Klatschen ist strengstens verboten

Im Unterhaus gelten noch viele andere Regeln aus alter Zeit: Das rituelle Standardformat für Zustimmung – und das seit dem 17. Jahrhundert – ist das im Chor vorgetragene „hear, hear“. Ein Ersatz für das Klatschen, das im britischen Unterhaus strengstens verboten ist.

Als es eine Gruppe beherzter Schotten vor ein paar Jahren trotzdem probierte, bekamen sie einen strengen Ordnungsruf von Bercow. Die gegnerische Seite setzt mit „no, no“ dagegen. Bei einer heftigen Debatte wie etwa in den jüngsten Tagen in der Brexit-Krise entwickelt sich „hear, hear“ gegen „no, no“ zu einem Zweikampf um die Lufthoheit unter dem neogotischen Dachgewölbe. Doch Reden werden nicht nur lautstark kommentiert, sie werden auch ständig durch Zwischenrufe unterbrochen. Dabei sind wüste Schimpfworte verboten, werden mit Ordnungsrufen und im schlimmsten Fall mit Hinauswurf bestraft.

Der Sprecher erteilt und entzieht das Wort

Bercow hat nicht nur die Macht, das Wort zu entziehen, sondern auch, es zu erteilen. Wer etwas sagen möchte im Unterhaus, muss vom Speaker das Rederecht erteilt bekommen. Damit der weiß, dass jemand etwas sagen möchte, stehen die Parlamentarier auf, erheben sich manchmal auch nur halb von der Bank: Das nennt sich „Catching the Speaker’s eye“, es geht darum, dem Speaker ins Auge zu fallen.

Hat ein Abgeordneter endlich das ersehnte Wort, beginnt es meistens mit den Worten „Mr. Speaker“, da dieser die einzige Person ist, die angesprochen werden darf. Alle anderen Parlamentarier sind mit der dritten Person anzureden.

Parlamentssprecher Bercow, der aus den Reihen der konservativen Tories stammt, macht keinen Hehl daraus, dass er dem Brexit nichts abgewinnen kann. Als er in einer Unterhaus-Sitzung damit konfrontiert wurde, warum seine Frau einen „Scheißt auf den Brexit“-Sticker auf ihrem Auto habe und warum er selbst dieses Auto öfters im Unterhaus parke, antwortete John Bercow: „Ich bin mir sicher, der ehrenhafte Gentleman würde nicht einen Moment daran denken, dass eine Frau ihrem Mann gehört. Dieser Sticker ist nicht meiner und damit ist die Sache beendet.“