Finale des Wahlkampfes  in El Alto mit Anhängern der Morales-Partei

© REUTERS/DAVID MERCADO

Bolivien
10/16/2020

Das schwere Erbe des Evo Morales in Bolivien

Stacheldraht, Wut und Hass: Das südamerikanische Land ist vor den heutigen Wahlen tief gespaltenen.

von Tobias Käufer

Der Stacheldraht spannt sich quer über die Straße. Autoreifen, Holzpfähle und ein paar Steine erledigen den Rest: Es geht nichts mehr zwischen La Paz und Oruro. Die lange Verbindungsstraße Nummer 1 ist zum Ziel einer Straßenblockade geworden. Wieder einmal. „Stoppt den Betrug“, rufen die Anhänger des ehemaligen Präsidenten Evo Morales und dessen sozialistischer Partei MAS.

Auch in Bolivien wütet die Corona-Pandemie, mehr als 8000 Menschen starben. Die Neuwahlen, die das Land aus der nun seit mehreren Jahren anhaltenden Krise befreien sollen, wurden mehrmals verschoben. Nun trauen die MAS-Anhänger dem neuen Wahlratgericht nicht mehr. Die zuvor fast 14 Jahre regierenden Sozialisten haben sich noch nicht daran gewöhnt, dass es nicht mehr ihr Langzeitpräsident Evo Morales ist, der die Spielregeln bestimmt.

Doch schließlich gab es eine Einigung zwischen der MAS und den anderen Parteien auf den heutigen 18. Oktober, an dem in Bolivien nicht nur ein neuer Präsident, sondern auch ein neues Parlament gewählt wird.

Das ist aber auch schon die einzige Einigung. An den Haus-Wänden in Santa Cruz und La Paz ist zu lesen, was die beiden Lager voneinander halten: „Evo Diktator“ steht da geschrieben oder „Weg mit den Putschisten“. Und zwischen Anhängern und Gegnern des Ex-Präsidenten Morales kam es in den vergangenen Wochen und Monaten laufend zu Gewalt.

Der erste Wahlgang zu den Präsidentschaftswahlen in Bolivien soll das Machtvakuum beenden, das seit dem Wahlchaos vor einem Jahr und dem Abgang des linken Langzeitpräsidenten Morales besteht. Seither übt die konservative Ex-Senatspräsidentin Jeanine Anez übergangsweise das Amt der Staatschefin aus – und die Konservativen üben jede Art von Revanche am Morales-Lager.

Als Favorit geht der Kandidat der Morales-Partei MAS, Luis Arce, ins Rennen.

Laut Umfragen kommt er auf 34 Prozent der Stimmen, das würde allerdings nur zu einer Stichwahl reichen, in der der gemäßigt Konservative Carlos Mesa (28 Prozent) sein Gegner wäre.

Und wohl auch der Favorit, denn bündelt die langjährige Opposition in einem zweiten Wahlgang die Kräfte, wäre Arce wohl chancenlos, die MAS in der Opposition, die Ära Morales endgültig Geschichte.

Morales zieht die Fäden

Morales ist – obwohl er vor knapp einem Jahr nach Vorwürfen der Wahlmanipulation ins Ausland geflohen ist – immer noch einer der einflussreichsten politischen Figuren. Er zieht aus dem argentinischen Exil die Fäden. Doch sein Image hat gelitten, seit Missbrauchsvorwürfe die Runde machen. Es tauchten Bilder auf, die Morales mit seinen minderjährigen Anhängerinnen zeigen, mit mindestens einer von ihnen soll er ein Kind gezeugt haben.

Morales ist wütend und sagt, man dürfe die Kameradinnen nicht politisch instrumentalisieren. Tatsächlich gibt es bislang keine Anzeige eines der Mädchen und jungen Frauen, die eingefleischte Morales-Anhängerinnen sind. Doch vor allem die Wählerinnen gehen auf Distanz zu ihrem Ex-Präsidenten. Auch die MAS spürt das. Die Vorwürfe müssten aufgeklärt werden, sagt Ex-Außenminister David Choquehuanca.

Zugleich stellte der Kandidat für das Vizepräsidentenamt der Morales-Partei MAS klar, die Mehrheit der Basis wünsche gar keine Rückkehr des Ex-Präsidenten in die Politik. Gegen den wird auch aus anderen Gründen ermittelt: Er habe versucht über seine Anhänger die Großstädte gezielt zu blockieren und die Gesundheitsversorgung riskiert. Terrorismus und Völkermord lautet der Vorwurf. Unter dem tun es die Konservativen nicht.

Die Anden-Nation bebt seit der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr. Schon die Kandidatur von Evo Morales war nach einem verlorenen Referendum über eine dazu notwendige Verfassungsänderung hoch umstritten. Morales hatte damals sein Wort gegeben, eine Niederlage zu akzeptieren und nicht mehr anzutreten. Doch er setzte seine Kandidatur auf juristischem Wege durch. Das war der Ursprung der Krise, die das Land bis heute bis ins Mark erschüttert. Das sei ein Fehler gewesen, räumt Morales inzwischen ein.

Wahlbetrug oder Putsch

Der andere Fehler: Morales bestand auf einem Sieg im ersten Durchgang. Die Opposition warf dem seit 2006 regierenden Präsidenten Wahlbetrug vor. Gegner und Anhänger Morales’ lieferten sich Straßenschlachten, es fielen Schüsse. Die Toten haben das Land noch weiter vergiftet.

Morales trat zurück und floh zunächst nach Mexiko, später nach Argentinien ins Exil. Heute spricht Morales von einem Putsch gegen ihn.

Sollte die MAS die Wahlen am Sonntag verlieren, ginge die eigentlich erfolgreiche Ära des Evo Morales unrühmlich zu Ende. Er stärkte die Rechte der indigenen Völker, brachte das Land als Präsident wirtschaftlich voran, wurde aber zunehmend zum Autokraten, der die politischen Gegner ausschaltete und die Meinungsfreiheit unterband. Am Ende hielt er sich für unersetzlich.

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