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Politik Ausland
07/06/2020

Dalai Lama: Ein altersloser „Ozean der Weisheit“

Das geistliche Oberhaupt der Tibeter ist 85. Sein Ziel einer Autonomie für Tibet hat er nicht erreicht. Jetzt hofft er, mindestens 108 zu werden.

von Ulrike Botzenhart

Er habe geträumt, er werde 113 Jahre alt, erzählte der Dalai Lama mit 79 zuversichtlich. Ganz so sicher scheint sich das geistliche Oberhaupt der Tibeter mittlerweile aber nicht mehr zu sein. Am Montag, seinem 85. Geburtstag, bat er seine Anhänger in einer Videobotschaft, ein gewisses Mantra 1.000-mal zu wiederholen: „Mit dieser Übung werdet ihr Wurzeln der Tugend schaffen, die ihr mir widmen könnt – dem Gesandten der Gottheit Avalokiteshvara – damit ich etwa 108 oder 110 Jahre leben werde.“

Ein Wunsch, dem Tibeter und Freunde Tibets rund um den Erdball wohl gerne nachkommen werden. Denn der international geachtete Dalai Lama steht wie kein zweiter für das friedliche Ringen der Tibeter um Autonomie. Seine Vorträge zogen überall in der Welt – auch in Österreich – Menschen an, die von der Weisheit, der Spiritualität und dem Witz des Mannes beeindruckt waren. Mit seiner Nahbarkeit und seinem fröhlichen, hohen Kichern eroberte das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten die Herzen vieler Menschen.

Ihnen machte er zu seinem Geburtstag ein Geschenk: Er veröffentlichte ein Album mit Mantras, Lehren und Musik. „Der Sinn meines Lebens ist es, so sehr zu dienen, wie ich kann. Musik kann Menschen auf eine Art helfen, wie ich das nicht kann.“

Lachen als „Waffe“

Angesprochen auf sein heiteres Wesen sagte seine Schwester Jestun Pema (79), die ebenfalls im indischen Exil lebt, schon vor Jahren: „Seine Heiligkeit ist ernsthafter als alle anderen, das Leid aller Tibeter geht ihm nah. Aber auch Lachen kann eine Waffe sein. Wenn man positiv ist, verleiht einem das besondere Energie.“ Der Dalai Lama sei eine sehr offene Person. Es sei Unsinn, wenn ihn China als Mastermind hinter Protesten in Tibet sehe. „Ein Friedensnobelpreisträger als Unruhestifter – das ist doch verrückt.“

Die kommunistische Führung in Peking hat das geistliche und politische Oberhaupt der Tibeter über Jahrzehnte als gefährlichen Separatisten betrachtet und ihn mit allen Mitteln der Propaganda innerhalb Chinas zur Hassfigur hochstilisiert.

Heiliger oder Terrorist

Mit Erfolg. Selbst aufgeschlossene Chinesen reagieren allein auf die Nennung seines Namen mit Entrüstung: „Der Dalai Lama, der Dalai Lama, der Dalai Lama – was seht Ihr im Westen nur in dem Mann? Ihr geht ihm alle auf den Leim. Das ist kein Heiliger, das ist ein Terrorist!“, empört sich etwa eine chinesische Akademikerin, die ein paar Jahre in Wien lebte, im Gespräch mit dem KURIER. Ähnliche Hassgefühle hatte die staatliche Propaganda während ihrer Jugend lediglich gegenüber Chinas „Erzfeind“ Japan implantiert.

Mittlerweile hat China Japans Wirtschaft längst überflügelt und den Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht geschafft. Nicht zuletzt unter dem jetzigen Staatschef Xi erweiterte das bevölkerungsreichste Land der Welt seinen Einfluss enorm und kaufte sich mit diversen Initiativen und Projekten (Stichwort: Neue Seidenstraße) international ein und rüstete militärisch enorm auf.

Göttliches Kind
Geboren am 6. Juli 1935 in einer  armen Bauernfamilie in Tibet, wurde Tenzin Gyatso  schon mit zwei Jahren als Reinkarnation des 1933 verstorbenen 13. Dalai Lama (Thubten Gyatso) erkannt. 1940 wurde er feierlich inthronisiert

Flucht und Exil
Seit der blutigen Niederschlagung eines Volksaufstandes der Tibeter durch China und seiner Flucht nach Indien im März 1959  kämpft der Dalai Lama („Ozean der Weisheit“) unermüdlich  für ein Selbstbestimmungsrecht seines  Volkes

Friedensnobelpreis
Von China gehasst, im Ausland verehrt, erhielt er 1989 den Nobelpreis.  2011   gab er  die politische Führung ab  

 

Tibet ist derweil aus dem Licht der Öffentlichkeit fast verschwunden, seit der Dalai Lama 2011 die politische Führung an Lobsang Sangay, Ministerpräsident der Exil-Regierung, abgegeben hat. Wohl auch in der Hoffnung, den Weg frei zu machen für einen Dialog zwischen Tibetern und Peking über kulturelle und religiöse Freiheiten innerhalb der Volksrepublik.

„Wir geben nicht auf. Das ist auch der Leitspruch seiner Heiligkeit: Gib nie auf“, sagte seine Schwester im KURIER-Interview 2014. Allerdings drohte die Kultur der Tibeter, „in der stetig wachsenden Masse der Chinesen in Tibet untergehen. Die Zeit läuft für uns langsam ab.“

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