Reise
26.03.2018

Tibets verborgene Schätze enthüllt

Die größten Kunstwerke der buddhistischen Kultur auf dem Dach der Welt. Verschwenderische Fülle zum Staunen und Bewundern, lange Zeit versteckt. Der Fotograf Thomas Laird hat sie aufgespürt. Das neue, rekordverdächtige Buch „Murals of Tibet“ zeigt sie.

Sie sind ein uralter Schatz, der im Verborgenen existiert. Ein Schatz, der in höchster Gefahr ist. Die spektakulären, riesigen Wandgemälde Tibets. Jetzt werden sie erstmals in aller Pracht gezeigt und gleichzeitig für die Nachwelt konserviert – denn wer weiß, wie lange es sie noch gibt.

Liebe, Sex und Götter

Die Bilder zeigen alles, was das Leben ausmacht: die Geburt, das Sterben, die Liebe, den Sex, das Gute, das Böse, das Paradies, Götter und Glauben. Sie erzählen die Geschichte Tibets, geben Anleitungen zum Yoga und illustrieren die Lehren Buddhas. In bunten Farben und einer Vielfalt, dass der Betrachter stunden-, ja tagelang vor jedem dieser monumentalen Kunstwerke verbringen könnte, um immer noch neue, unbekannte Details zu entdecken.

Lust und Liebe: Tantra in höchster Vollendung. Shiva mit Dreizack und erigiertem Penis, Parvati, die Göttin der Fruchtbarkeit und Liebe.

Das Unsichtbare sichtbar gemacht hat Thomas Laird. Oder, wie der US-Fotograf es im Gespräch mit der formuliert: „Ich habe das Tor zu einer verschlossenen Welt geöffnet.“ In einem außerordentlichen neuen Buch hat Laird die Wandbilder Tibets, einen der größten Schätze der buddhistischen Kultur, fotografiert. Das klingt einfacher, als es war. Weshalb er auch zwölf Jahre an seinem Buch gearbeitet hat.

Bis zu 1.000 Jahre sind die Wandgemälde alt, sie befinden sich in Tempeln über das ganze Land verteilt. Es ist schon so, dass die chinesischen Behörden westlichen Touristen Visa für einen Besuch auf dem „Dach der Welt“ erteilen. Doch dann wird es schwierig. Wenn Besucher es schaffen, eines der Klöster zu betreten, „dann stehen sie da und wissen nicht, wohin“. Denn in komplett dunklen Räumen können sie bestenfalls den kleinen Ausschnitt in Augenhöhe der bis zu neun Meter hohen Bilder sehen, aber niemals das große Ganze.


Drastische Friedhofsszene: Tote Körper, Hunde, Schweine und Aasfresser.

„Das erste Mal habe ich 1986, also vor mehr als 30 Jahren, versucht, die Bilder zu fotografieren“, erzählt Laird. „Das Ergebnis war frustrierend.“ Seither arbeitet er an der Verbesserung der Technik, tüftelt daran, wie er die Räume optimal ausleuchtet und jedes Detail der riesigen Kunstwerke perfekt darstellen kann. In digitaler Mehrbildfotografie ist ihm das gelungen. „Tagelang sitze ich vor dem Computer an einem Bild. Dabei enthülle ich Dinge, die niemand mehr sehen konnte, seit der Künstler das Werk geschaffen hat.“ Wenn er ein Foto fertiggestellt hat, ist das für Laird ein höchst emotionaler Moment. „Eine wirklich tolle Erfahrung. Phänomenal.“

Dalai Lama hat jedes Buch signiert

Als Türoffner kam Laird zugute, dass er perfekt Nepali spricht. Schließlich erforscht er seit 1972 die Geschichte des Himalaya und lebte drei Jahrzehnte lang in Nepal. Auch die Bekanntschaft mit dem Dalai Lama, den er bei einem Interview kennengelernt hatte, war der Sache wohl nicht abträglich. So wie es auch das 1.000-Seiten-Buch noch wertvoller macht, dass der Dalai Lama jedes einzelne Exemplar signiert hat.

Gemeinsam mit Seiner Heiligkeit verfasste Laird eine Chronik Tibets. Und er hatte Kontakt zu den Mönchen, die ihm Zutritt gewährten. Die Namen seiner Helfer sind im Buch nicht genannt. Sicherheitshalber, damit sie keine Schwierigkeiten mit den chinesischen Behörden bekommen.

Beinahe wie Indiana Jones jagte er die verborgenen Schätze. Thomas Laird ließ sich von den Mönchen in den Klöstern und Tempeln einschließen, mitunter für mehrere Tage. Etwa in Gyantse Kumbum, dem Heiligtum von Gyantse, einem UNESCO-Weltkulturerbe und der besterhaltene Stupa von Tibet. Der Tempel erstreckt sich über neun Stockwerke und beinhaltet 72 Kapellen. Wer sie alle meditierend durchschreitet, soll das Erleuchtung bringen.

Das pralle Leben: Menschen mit Vogelköpfen, Pferde mit Menschenkörpern, Schwerter, Fahnen und ein harter Kampf – die Zähmung der bösen Geister. Menschliche und göttliche Krieger ringen miteinander

Dabei konnte der Fotograf nachfühlen, wie es den Künstlern ergangen sein mag, die die Bilder geschaffen haben. „Sie verbrachten Monate am Stück in den fensterlosen Räumen, mischten Farben, hockten auf den hohen Gerüsten und malten. Ihre einzige Lichtquelle waren funzelige Butterlampen.“ Laird erlebte die Bilder so, wie der blutjunge Dalai Lama sie erlebt hatte: Gemeinsam mit einer Gruppe von Pilgern, die sich im Halbkreis vor den Darstellungen platziert hatten und den Erklärungen der Mönche lauschten.

Spuren der Verehrung

Er entdeckte die Spuren, die die Menschen im Lauf der Jahrhunderte auf den Gemälden hinterlassen hatten, als sie, wie es Brauch ist, ihre Köpfe vor den Kunstwerken neigten und in der Hoffnung auf Segen mit der Stirn das Bild berührten. Schicht für Schicht hat sich die Pomade ihrer Haare in einem dunklen Streifen abgelagert.

Alles ist vergänglich: Das Lebensrad symbolisiert den irdischen Kreislauf. Es findet sich beim Eingang jedes Klosters.

Die Verehrung der Gläubigen haben die Bilder gut überstanden. Dennoch sind sie extrem gefährdet. Zumal heute schätzungsweise nur noch zehn Prozent aller Tempelanlagen und Klöster übrig sind. In den 1950er- und 60er-Jahren, zur Zeit der Kulturrevolution, wurden sie bedenkenlos zerstört, Statuen wurden zertrümmert und Tempel als Hühner- oder Schweineställe missbraucht, oder die Bauern lagerten Heu darin. Heute noch sind viele dem Verfall preisgegeben, Wind und Wetter setzen ihnen zu. Die staatliche chinesische Aufsicht erschwert Restaurierungsarbeiten, die teils unsachgemäß durchgeführt werden und mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Kulturschätze in Gefahr

Wie fragil die Wandmalereien sind, wurde zuletzt Mitte Februar offenbar: Aus unbekannter Ursache brach im 1.300 Jahre alten Jokhang-Tempel in Lhasa ein Brand aus. Er ist der wichtigste und älteste Tempel des tibetischen Buddhismus und dank der chinesischen „Informationspolitik“ ist bis dato unklar, ob die Jo-Statue, das erste Abbild Buddhas auf tibetischem Boden, das Feuer überstanden hat. In den Bildern von Thomas Laird lebt das Kunstwerk jedenfalls weiter.

Das Buch der Superlative

Der Dalai Lama mit Buch und Lesetischchen

„SUMO“ heißt das Format, in dem der TASCHEN Verlag seine Collector’s Edition des Buches „Murals of Tibet“ von Thomas Laird veröffentlicht. Es ist 50 x 70 Zentimeter groß und 23 Kilogramm schwer: „Murals of Tibet", Thomas Laird, Robert Thurman, Heather Stoddard, Jakob Winkler, Shigeru Ban, Hardcover, 50x70 cm, 498 Seiten mit 6 Ausklappseiten, einem zerlegbaren Buchständer von Shigeru Ban und einem illustrierten 528-seitigen wissen- schaftlichen Begleitbuch. € 10.000,-

Limitierte Collector’s Edition von 998 Exemplaren im SUMO-Format, jeweils signiert von Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai-Lama, mit einem eigens von Pritzkerpreisträger Shigeru Ban entworfenen Buchständer.

Ebenfalls erhältlich in zwei verschiedenen Art Editionen von je 40 Exemplaren
(Nr. 1–80), jeweils mit einem Print.

Das Buch ist, so der Verlag, „eine Ausstellung auf Papier“. In der Folge ist eine Handelsausgabe des Buches im halben Format des SUMO geplant. Der TASCHEN Verlag stellte eine Spende für Gehirnforschung zur Verfügung, die den naturwisschenschaftlichen Beweis, dass Meditation eine positive Auswirkung auf das Gehirn hat, liefern soll.

Der Autor

Thomas Laird, 62, (neben dem Dalai Lama) verließ mit 18 die USA, trampte nach Europa und zum Himalaya. 30 Jahre lebte er in Nepal, arbeitete als Journalist. Seine neueste Publikation ist für ihn erst der Anfang: „Ich will noch mindestens zehn Jahre zum Thema Tibet weiterarbeiten.“ Über sich selbst sagt er: „Ich bin seit 1975 Buddhist. Aber ein schlechter.“