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Politik Ausland
03/26/2020

Coronavirus-Gefahr im Flüchtlingslager: Eine Katastrophe bahnt sich an

Die Lager auf den griechischen Inseln sind überfüllt, Sanitäranlagen und Wasser knapp - das Virus würde sich sehr schnell ausbreiten, berichtet ein Arzt.

von Sandra Lumetsberger

Zwei Meter Abstand halten, Einkaufen und Spazieren nur, wenn es nötig ist - diese Anweisungen liest und hört man derzeit in vielen europäischen Ländern, wo man versucht das Coronavirus mit körperlicher und sozialer Isolation zu bekämpfen. In den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln ist das unmöglich.

Besonders prekär ist die Lage der Menschen im Camp Moria, auf Lesbos, wo derzeit 22.000 Menschen in einer für 2.480 Personen ausgelegten Anlage leben. "Es ist für die Menschen fast unmöglich, sich sozial oder räumlich zu distanzieren", sagt George Makris, Allgemeinmediziner. Er arbeitet für "Ärzte ohne Grenzen" vor Ort und berichtet dem KURIER am Telefon von katastrophalen Zuständen. Die Menschen leben teils in Sommerzelten, die Hygiene- und Sanitärmöglichkeiten sind nicht einmal das Minimum an humanitärem Standard. In den wild enstandenen Siedlungen in den Olivenhainen rund um Moria haben mehr als 5.000 Menschen keinen Zugang zu Wasser und Strom. "Genau deswegen sind wir auch sehr besorgt. Sollte es einen Infektionsfall im Lager geben, würde sich das Virus sehr schnell verbreiten. Es wäre fast unmöglich, das einzugrenzen." Die gesundheitlichen Folgen für die Menschen wären unvorhersehbar, so der Arzt. Schwer erkrankte müssen im Spital behandelt werden, doch davon gibt es auf der Insel nur eines.

Bisher gibt es drei bestätigte Fälle von Corona-infizierten Menschen auf der Insel - Bewohner griechischer Nationalität, die im Ausland waren, berichtet Makris. Zwei von ihnen leben in der Hauptstadt Mytilini, knapp sieben Kilometer von Camp Moria entfernt.

Nur eine Frage der Zeit

Aus Sicht der Helfer ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich das Virus dort verbreitet. Ärzte ohne Grenzen, die Caritas und das Rote Kreuz fordern seit Wochen die Räumung des Lagers. Sie unterstützen die Forderung des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) demnach, Griechenland und die EU-Staaten die Menschen in großer Zahl schnell in geeignete Unterkünfte unterbringen soll.

Im EU-Parlament beobachtet man diese Entwicklungen ebenfalls mit Sorge. In den überfüllten Camps gebe es weder die Chance, sozialen Abstand einzuhalten noch angemessene Hygiene-Bedingungen, schrieb der Vorsitzende des Innenausschusses, Juan Fernando López Aguilar, am Montag in einem Brief an den EU-Kommissar für Krisenmanagement. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson schlug vor, ältere und kranke Menschen auf andere Teile der griechischen Inseln zu bringen.

Doch die konservative Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis (Nea Dimokratia) hat bisher eine Umsiedlung von Flüchtlingen auf das Festland mit der Begründung verweigert, dass es keine Coronavirus-Fälle in den Lagern gebe. Ob sich die Lage für Geflüchtete nach dem Regierungswechsel verändert hat? Makris merke keine Unterschied - "die Situation ist seit vielen Jahren eine Katastrophe".

Zuletzt mehrten sich auch unter den Insel-Bewohnern Ressentiments und Unmut. Einige versuchten Anfang des Monats, neu angekommene Flüchtlinge daran zu hindern, an Land zu gehen. Zudem reisten Rechtsextreme aus Frankreich und Deutschland an. Laut der deutschen Presseagentur dpa sichteten Reporter des lokalen Nachrichtenportals sto nisi mindestens fünf deutsche Neonazis in Mytilini. Selbst ernannte Bürgerwehren fuhren mit Pick-Ups herum, sollen Mitarbeiter von NGOs und Journalisten eingeschüchtert und angegriffen haben. Die Folgen: Die Hilfsorganisationen ziehen ihre Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen ab. Und seit sich das Coronavirus in weiten Teilen Europas ausgebreitet hat, ist auch das ein Grund für viele, die Insel zu verlassen.

Was wurde aus der "Koalition der Willigen"?

Dabei gab es kürzlich so etwas wie einen Hoffnungsschimmer - zumindest für einen kleinen Teil der Menschen. Die deutsche Bundesregierung hat sich für die Aufnahme von besonders schutzbedürftigen Minderjährigen in den Lagern der Ägäis-Inseln ausgesprochen - also Kinder, die entweder wegen einer schweren Erkrankung dringend behandlungsbedürftig oder aber unbegleitet und jünger als 14 Jahre alt sind. Da erkrankte Kinder nicht von ihren Eltern getrennt werden sollte, könnten in diesen Fällen auch die Kernfamilien mitreisen, ließ Staatssekretär Stephan Mayer (CSU) wissen.

Die Aufnahme von 1000 bis 1500 Menschen will man sich mit anderen EU-Staaten teilen, einige Länder wie Frankreich, Irland, Finnland, Portugal, Luxemburg und Kroatien haben zugesagt, sich an der "Koalition der Willigen" zu beteiligen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will weiter daran festhalten. Sein Haus hatte mit Blick auf die Corona-Pandemie angeordnet, dass Ausländer in der Regel nicht mehr nach Deutschland einreisen dürfen. Das gelte nicht für den Vorstoß, Kinder ins Land zu holen. "Wir haben zugesagt, dass wir uns bei der Aufnahme beteiligen", sagte Seehofer vor wenigen Tagen dem Spiegel. Nachsatz: "Dazu stehen wir."

Wann es soweit sein wird?

Eine Nachfrage in seinem Haus ergab, dass die EU-Kommission die Koordinierung dafür übernommen hat. "Die Bundesregierung steht hierzu in intensivem Austausch mit den europäischen Partnern, um zeitnahe Übernahmen von den griechischen Inseln zu gewährleisten", erklärte eine Sprecherin. Die Details zur Umsetzung der Aufnahme und einem Zeitplan "werden in Abhängigkeit von den Absprachen auf europäischer Ebene gegenwärtig geprüft". Die Kommission war in der vergangenen Woche in Gesprächen mit EASO, IOM und Griechenland, um die operativen Abläufe zu erörtern. Noch in dieser Woche wird die Kommission auf Deutschland und die weiteren aufnahmebereiten Mitgliedstaaten zugehen, um den Abstimmungsprozess zu finalisieren, heißt es.

Wie schnell die Aufnahmeaktion dann letztlich gehen wird, ist nicht absehbar. Für Helfer und Ärzte wie George Makris ist es eigentlich schon zu spät. "Noch gibt es hier keinen Fall, aber man sieht ja wie schnell sich das Virus überall auf der Welt ausbreitet." Die Menschen im Lager versuchen indessen ihr Bestes. In Akkordarbeit nähen  Frauen Atemschutzmasken. Selbst wenn die Lage noch so aussichtlos ist, sich aufgeben will hier keiner.