Chinas Militär erschüttert: Warum Xi selbst Top-Generäle fallen lässt
In Peking reicht manchmal ein Satz, um eine Karriere zu beenden: "Schwere Verstöße gegen Disziplin und Gesetz". Am Wochenende traf es zwei Männer, die bis zuletzt als unantastbar galten: Zhang Youxia, Vizechef der mächtigen Zentralen Militärkommission (ZMK), und Liu Zhenli, Chef des gemeinsamen Stabes der Volksbefreiungsarmee (PLA). Das Verteidigungsministerium teilte mit, beide würden untersucht. Ein solches Vorgehen gegen amtierende Generäle der ZMK hatte es seit der Kulturrevolution 1966 bis 1976 nicht mehr gegeben.
Nur noch zwei Mitglieder: Machtkonzentration in der ZMK
Was das so explosiv macht, versteht man erst mit Blick auf die ZMK: Sie ist so etwas wie das oberste militärische Steuerzentrum Chinas – hier werden Strategien gesetzt und Operationen gelenkt. Und nun schrumpft die Kommission auf einen historischen Minimalstand.
Neben Xi Jinping bleibt als einziges weiteres Mitglied Zhang Shengmin, ausgerechnet der Mann, der die militärische Anti-Korruptionsaufsicht führt. Xi wäre damit – jedenfalls vorübergehend – faktisch alleiniger operativer Chef, was sich bei einer gewaltigen Streitmacht wie der PLA nie und nimmer ausgehen kann.
Der Schritt wirkt wie der vorläufige Höhepunkt einer Säuberungswelle – und es wird von Analysten mit Spannung erwartet, mit welchen Generälen Xi die vakanten Stellen nachbesetzen wird. Zhang Youxia etwa galt als Xis engster militärischer Verbündeter – ein politisch schwerer Schlag, weil Zhang zugleich Politbüro-Mitglied ist und als treibende Kraft der Modernisierung galt. Er war zudem ein Veteran mit revolutionärem Stammbaum. Der Fall soll wohl zeigen: Nähe schützt nicht.
Doch schon zuvor waren zentrale Figuren verschwunden: He Weidong, bis dahin einer der wichtigsten Vize-ZMK-Chefs, wurde 2025 aus Partei und Militär ausgeschlossen; ebenso der damalige Top-Politoffizier der PLA, Admiral Miao Hua.
Offiziell Disziplin – tatsächlich Korruption?
Warum passiert das? Offiziell heißt es: Disziplin und Gesetz. In der Parteisprache ist das oft ein Codewort für Korruption – und Korruption ist im Militär besonders giftig, weil sie Waffenprogramme, Beförderungen, Beschaffung – und letztendlich die operative Bereitschaft nachhaltig beschädigt.
Die Anti-Korruptionskampagne Xis seit 2023 hat auch die Raketenstreitkräfte und Rüstungsfirmen erfasst und Beschaffungsvorhaben gebremst.
Die Financial Times zitiert zudem Analysten, die einen zweiten Kern des Problems sehen: Leistungs- und Bereitschaftsprobleme. Trotz Reformen, heißt es, sei die gemeinsame Ausbildung noch unvollständig und teuer, die Frage der Einsatzreife hänge wie ein Schatten über Xis Zeitplan.
Und: Xi habe – nach Darstellung der US- und taiwanischen Seite – der PLA vorgegeben, bis 2027 die Fähigkeit zu entwickeln, Taiwan notfalls militärisch zu nehmen.
Das ist augenscheinlich so rasch nicht passiert. Wer in der Spitze als zu langsam, zu ineffizient oder politisch nicht zuverlässig gilt, wird damit zum Risiko. Die Säuberung ist – nach dieser Interpretation – zugleich ein Warnsignal über den Zustand der PLA.
Wenn Korruption, Ineffizienz und unvollständige Zusammenarbeit tatsächlich der Status quo sind, dann ist die Modernisierung offenbar weniger geradlinig, als Hochglanzparaden suggerieren. Dazu kommt, dass die PLA seit der Invasion in Vietnam 1979 keine realen Kampferfahrungen mehr gemacht hat.
Bei einer Armee dieser Größe – und der Ambition, in den kommenden Jahrzehnten zur mächtigsten Armee der Welt zu werden – bleiben demnach viele Fragen in puncto Operabilität offen.
Gleichzeitig dürfte durch Xis Manöver das militärische China für die Außenwelt noch schwieriger zu lesen werden.
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