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Politik Ausland
11/23/2021

Chaos, Filz und lästernde Tories: Katerstimmung bei Boris Johnson

Der Premier verglich sich vor Wirtschaftsbossen mit Moses, zitierte Lenin und imitierte Auto-Geräusche.

von Georg Szalai

Als "Management durch Chaos" beschreiben Experten oft den Führungsstil des britischen Premiers Boris Johnson. Wohlwollen von Wählern und seiner Tory-Partei kostete ihn das bisher nur zeitweise. Jetzt fragt aber so mancher, ob sich das ändern könnte.

Denn fast zwei Jahre nach seinem fulminanten Wahlsieg im Dezember 2019 läuft für Johnson gerade fast alles schief: von Filz-Skandalen und Migrantenkrise bis hin zu Umfragen, die die Tories nur noch gleichauf mit oder hinter der Labour Partei sehen. Kritiker in den eigenen Reihen wetzen jetzt die Messer und attackieren Johnson via Medien, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. "BoJo hat seine Mojo verloren", sagte ein anonymer Mandatar der Financial Times mit Hinweis auf die Quelle des Selbstvertrauens der Filmfigur Austin Powers.

Die Regierung "funktioniert einfach nicht", weil Johnson sie nicht mehr im Griff habe, wurde der BBC aus der Downing Street eingeflüstert. Und eine BBC-Expertin konstatierte, die Frage sei nun, ob dies bloß "Katerstimmung" gegen Mitte der Amtsperiode oder Start eines breiteren Sympathie-Verlusts sei.

Fehlstart

Nach drei Wochen negativer Schlagzeilen sollte Johnson am Montag mit einer Rede vor seiner Partei meist wohlgesinnten Wirtschaftsbossen endlich wieder punkten. Stattdessen verglich er sich mit Moses, zitierte Lenin und imitierte Auto-Geräusche. "Es war nicht seine beste Stunde", sagte ein Regierungsmitglied dem Independent. "Aber wir hatten in letzter Zeit nicht viele gute Stunden". Sogar die konservative Presse war kritisch; die Times verglich Johnsons "trostlosen" Auftritt mit Labour-Chef Keir Starmers "beeindruckender" Rede.

Dass am Montagabend bei einer Abstimmung über die Pflegereform, die laut Kritikern Ärmere dazu zwingen könnte, ihr Haus zu verkaufen, 19 Tory-Rebellen gegen die Regierung votierten und sich Dutzende enthielten, schrumpfte ihre sonst klare Unterhaus-Mehrheit und unterstrich das Bild eines Premiers in Bedrängnis. Laut Nachrichtenportal Politico reichen desillusionierte Parteikollegen von Ex-Ministern und Kritikern von Johnsons Ausgabenpolitik über Brexit-Gegner bis hin zu enttäuschten Mandataren in Ex-Labour-Sitzen.

Johnson war wegen Covid-19 auf der Intensivstation

Stehaufmännchen

Fans von Johnson, 57, betonen, dass er sich bisher als Stehaufmännchen bewiesen habe. So sprach der Berater eines Kabinettsmitglieds in den Medien von einer "schwierigen Phase", die es zu überwinden gelte.

Ein Independent-Kolumnist sagte hingegen vorher, dass Johnson bis Weihnachten aus dem Amt scheiden würde. "Es sieht so aus, als ob Johnsons eigene Party langsam seiner überdrüssig wird", schrieb er, musste aber zugeben, dass er Bojos Widerstandsfähigkeit bisher unterschätzt und seinen Rückzug fälschlicherweise auch schon früher angekündigt hatte.

Pete Dorey, Professor für britische Politik an der Universität Cardiff, sagt dem KURIER aber, Montag könnte sich als "Wendepunkt" für Johnson erweisen, "wenn zu viele Wähler und konservative Abgeordnete erkennen, dass er kein ernsthafter politischer Führer ist und der immense Druck der letzten zwei Jahre sein politisches Urteilsvermögen beeinflusst".

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