Wie auf TikTok zum Massenansturm auf Ceuta aufgerufen wurde
Der Gruppenname besteht aus Emojis, einem Flugzeug, den Flaggen von Algerien, Tunesien und Marokko, dann zwei schwimmenden Menschen, der spanischen Flagge und zwei nach oben geöffneten Händen – das Emoji symbolisiert im Islam ein Bittgebet. Die Telegram-Gruppe zählt nur mehr vier Mitglieder. Ihr einziger Inhalt: ein TikTok-Video, das das Meer zeigt, aufgenommen im marokkanischen Grenzort Belyounech neben Ceuta. „Flieh vor deinen Kopfschmerzen an einen weit entfernten Ort“, steht darüber auf Arabisch, dazu drei Emojis: eine grüne Batterie, eine Welle, ein rotes Herz.
Langsam kommen immer mehr Hintergründe zum Massenansturm auf Ceuta am Freitag vergangener Woche ans Licht, bei dem laut neuesten Zahlen über 70.000 Menschen versuchten, die massiv gesicherte spanische Exklave von Marokko aus übers Meer zu erreichen. Mindestens 88 starben dabei. Auch wenn die meisten von ihnen wieder nach Marokko zurückgekehrt sind: Es bleibt die Frage, wer die Bilder eines Flüchtlingssturms auf Ceuta erzeugen wollte.
Die marokkanischen Behörden sollen den Ansturm zumindest geduldet haben; ob Rabat, das mit der EU gerade ein Partnerschaftsabkommen aushandelt, möglicherweise bewusst Druck auf Spanien und die EU ausüben wollte, soll nach dem EU-Innenministertreffen am Dienstag nun Spanien prüfen. Die New York Times zitierte einen jungen Mann, der vom Verhalten der marokkanischen Polizei berichtet: „Sie sagten nur: “Geht da lang, geht da lang, geht nach Spanien!'“
Aufrufe in Telegram-Gruppen
Sicher sind sich die EU, Spanien und Marokko, dass organisierte Schlepperbanden die Menschen mit Falschinformationen versorgt und an die Grenze gebracht haben sollen. Darauf lassen auch Videos in den sozialen Medien schließen, die zeigen, wie zusammengepferchte Geflüchtete aus Lkws Richtung Meer sprangen. Sicher ist die Echtheit dieser Videos aber nicht.
Ob mit oder ohne KI – wie Medien wie El País und die FAZ berichten, wurde in Gruppen auf Facebook, Telegram und WhatsApp und in Postings auf TikTok gezielt für den Versuch des Grenzübertritts an diesen Tagen geworben.
Die meisten der Gruppen sind längst gelöscht oder verlassen, für ihre Reichweite dürften Bots und automatisierte Accounts gesorgt haben; laut spanischen Medien sollen viele über 10.000 Mitglieder gezählt haben. In ihnen wurden Videos und Infos geteilt – etwa, wo man wasserdichte Taschen für Dokumente und Handys herbekommt. Kurzclips ließen die rund sechs Kilometer lange Distanz wie eine einfache Schwimmrunde erscheinen – in Wirklichkeit waren viele Migranten sechs Stunden lang im Wasser. Ein anderes Kurzvideo zeigt einen durchnässten Jugendlichen, der in Ceuta mit seiner Mutter telefoniert, um ihr von seinem erfolgreichen Grenzübertritt zu erzählen. Und immer wieder Bilder jubelnder junger Männer, mitunter in Neoprenanzügen, die nach ihrer Ankunft die spanische Flagge hochhalten.
Junge Männer filmen sich nach ihrer Ankunft in Ceuta und teilten das Video online.
Gegenüber Medien sprachen die Flüchtlinge davon, sie seien getäuscht worden: Das Gerücht, Spanien würde sie aufnehmen und aufs Festland reisen lassen, sei verbreitet worden, oder dass man in der Exklave Asyl beantragen könne. Der Ursprung des Gerüchts stimmte sogar: das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofs, das die sofortige Abschiebung irregulärer Migranten auf dem Seeweg untersagt.
Auch mit völligen Falschinformationen wurden die Menschen geködert: „Ceuta hat keinen Landweg nach Spanien? Was für eine Lüge!“, steht unter einem TikTok-Video, das die flüchtenden Menschen zeigt.
Algerien, USA oder Russland?
Die Spur einiger Accounts soll laut El País nach Algerien führen. Algerien und Marokko sind seit Jahrzehnten auf Kriegsfuß. Vor allem der Streit um die Unabhängigkeit der Westsahara, die Marokko für sich beansprucht, belastet das Verhältnis der Nachbarländer. Gleichzeitig sind beide wichtige „Türsteher“ für die EU und ihre Migrationspolitik.
Doch die Spekulationen in den Tiefen des Internets reichen viel weiter. Eine These beschuldigt die USA, die in der linken Regierung Spaniens einen ihrer größten Feinde sieht, seit diese die USA und Israel für den Iran-Krieg heftig kritisiert und die Nutzung ihrer Militärbasen untersagt hatte. Donald Trump kommentierte die Bilder aus Ceuta nicht uneigennützig: „Genau dasselbe wird uns passieren, wenn die Republikaner nicht gewählt werden, nur schlimmer, viel größer und viel leichter zu erreichen.“ Der wieder ins MAGA-Lager zurückgekehrte Elon Musk verglich die Aufnahmen mit Szenen aus dem Zombiefilm „World War Z“. Auch die antisemitische Verschwörungstheorie, es handle sich um ein jüdisches Komplott, ist zu lesen.
Von prorussischen Netzwerken sollen die Bilder mit teils spöttischen Verweisen, wie Europa von Flüchtlingen heimgesucht werde, verbreitet worden sein. Genauso gibt es KI-generierte Videos, in denen Frauen im Bikini über die „Lügen der Medien“ sprechen und den „Realitätsverlust“ Deutschlands beklagen – dazu der Hinweis auf die Linke, die für eine gemeinsame Versorgung der Menschen aus Ceuta argumentiert hatte. „Deshalb nur noch AfD wählen“ und viele blaue Herzen finden sich unter ihren Videos.
Nächster Ansturm am 15. August?
El País schreibt davon, dass angeblich schon ein neuer Massenansturm bevorstehe: In den sozialen Medien sollen neue Gruppen und Postings aufgetaucht sein, in denen über einen gemeinsamen Fluchtversuch über den Seeweg am 15. August diskutiert wird: „Brüder, was wird an diesem Tag geschehen? Seid ihr bereit?“, lautet ein arabisches Posting – versehen mit Datum und Treffpunkt in der marokkanischen Grenzstadt Fnideq.
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