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Experte warnt: „Eine der größten Bedrohungen für unser Zusammenleben“

Desinformation kann gezielt Massenmigrationsströme auslösen, weiß Experte Markus Schwunghammer. Aber das noch fatalere Risiko: die Gefahr für die Demokratie.
Polizisten kontrollieren eine lange Schlange junger Männer in einer engen Straße.

Noch wird nach den endgültigen Auslösern des jüngsten Migrantenansturms auf die spanisch Exklave Ceuta gesucht. Gezielte Desinformation dürfte dabei eine Rolle gespielt haben. Als Experte für die Ermittlung und Bekämpfung von Desinformation geht auch Markus Schwinghammer den Gründen nach.

KURIER: Der Migrantenansturm in Ceuta soll von Schleusern in den Sozialen Medien angefacht worden sein. Sie sollen Meldungen verbreitet haben, dass man jetzt nach Spanien könne und nicht mehr zurückgewiesen würde – war das eine Desinformationskampagne? Oder nur ein Missverständnis?

Markus Schwinghammer: Wir haben noch kein vollständiges Lagebild. Wenn man den Menschen bewusst und mit Absicht falsche Informationen gegeben hat, dann könnte man von Desinformation sprechen. Unter großen Menschenmengen wird aber oft auch inhaltlich Falsches im guten Glauben weitergegeben, nach dem Motto:  Hey, hast du das gesehen, hast das schon gehört? Spanien und Marokko haben schon vom Import von Fake News gesprochen, EU-Kommissar Brunner von Desinformation.  

Könnte es also eine Desinformationskampagne gewesen sein?

Noch brauchen wir mehr Informationen, mehr Daten. Migrationsbewegungen, die mit Desinformation verknüpft waren, haben wir aber schon einmal gesehen, in Polen 2021. Damals hat das Regime in Belarus Informationen verbreitet, dass man jetzt leicht nach Polen kommen könne. Man ließ daraufhin große Menschenmengen in Weißrussland einreisen, brachte sie gezielt an die Grenze und produzierte dadurch wiederum Bilder für weitere Desinformationskampagnen. 

Generell lässt sich festhalten, dass Russland für eine Großzahl der beobachtbaren Desinformationensvorfälle in Europa verantwortlich ist. Und was Russland versucht, sind einfach Wedge-Issues, also Bereiche wie Gender, Migration, Klimaalles Dinge, die uns stark polarisieren, für seinen eigenen Vorteil zu nutzen. Dabei werden diese Themen radikal gepusht und sollen uns alle dazu zu bringen, dass wir uns gegenseitig nicht mehr vertrauen. Weil das bedeutet, dass unsere Demokratien geschwächt werden, dass die EU geschwächt wird und dass wir beginnen, als Gesellschaft nicht mehr zu funktionieren. 

Wie kann man herausfinden, ob es sich um eine Desinformationskampagne handelt? 

In dem wir Daten sammeln und rekonstruieren, d.h:. Wir schauen uns an, von welchen Akteuren ging es aus. Wir reden mit den Leuten reden vor Ort, werten TexteVideos und andere Artefakte aus. Letztlich gibt es immer diese zwei Dimensionen: Wir müssen prüfen, ob die Nachricht faktisch falsch war und ob sie bewusst verbreitet wurde, dann müssen die Auswirkungen untersucht werden. Und dann gilt es der Frage nachzugehen, ob kampagnisiert wurde oder nicht: War es eine Person, war das eine Gruppe an Menschen, waren das vielleicht Staaten, die involviert waren? 

Was ist der Unterschied zwischen Desinformation und Fake news?

Das Wort Fake News gebrauchen wir in der Analyse nicht, weder auf wissenschaftlicher, noch auf der operativen Ebene. Fake News ist mittlerweile ein normativ völlig aufgeladener Begriff. Das bedeutet, dass er oft für die Verunglimpfung der Meinung verwendet wird, der ich nicht bin. Donald Trump hat uns das eingebrockt.

Wir hingegen unterscheiden in unserer Arbeit, vereinfacht, zwischen drei Begriffen: Desinformation, Misinformation und Malinformation. Desinformation bedeuteteine falsche Information bewusst zu verbreiten, um dadurch ein Ziel zu erreichen. Dazu zählen die klassischen russischen Desinformationskampagnen. Da wird etwa erzählt, der ukrainische Präsident Selenskij sei in mafiöse Strukturen verwickelt und seine Frau kaufe sich damit einen Bugatti um 4 Millionen Euro. Das können wir als falsch nachweisen, und wir sehen, dass offensichtlich die Absicht verfolgt wird, die Unterstützung für die Ukraine zu reduzieren.

Misinformation befindet sich auch auf einer inhaltlichen falschen Ebene, aber diese Information wird im guten Glauben verbreitet. Und bei Malinformation handelt es sich um einen zwar richtigen Inhalt, der aber bewusst schädigend aus dem Kontext gerissen ist oder bei dem Teile weggelassen werden und dadurch eine andere Botschaft beabsichtig wird.

Wie kann sich ein Mensch schützen, der nicht Zeit hat, zu recherchieren? 

Das Allerwichtigste ist, sich mit der Thematik vertraut zu machen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was Desinformation überhaupt ist. Und dann mit dem persönlichen Umfeld in den Austausch zu gehen. Wenn ich in der Familie jemanden habe, von dem ich vermute, dass er oder sie womöglich auf Desinformation und Misinformation reingefallen ist, sollte ich mit dieser Person das Gespräch suchen. Aber dieses Gespräch muss auf Augenhöhe, mit Empathie geführt werden. Man darf dem Gegenüber nicht erklären, „du bist ein Vollkoffer und musst dich richtig informieren“. Das führt meistens dazu, dass wir abschalten und in die Blockade gehen.

Was aber, wenn ich selbst einer Desinformation geglaubt habe? Wenn ich – fälschlicherweise - glaube, dass Selenskij der Mafia angehört?

Es liegt nicht nur am Einzelnen sich bewusst zu sein, wie Desinformation funktioniert, sondern es liegt auch an Organisationen, die mit dem Individuum interagieren. Wir nennen das Whole-Of-Society-Approach. Das heißt, das sind die Zivilgesellschaft, die Medien, die Zeitungen, die Staaten und viele mehr. Alle Akteure in diesem System müssen eigene Maßnahmen setzen, um potenziell das Individuum, das vielleicht einer falschen Information auf den Leim gegangen ist, richtig abholen zu können.

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Desinformationsexperte Markus Schwinghammer

Auch braucht es Aufklärungs- und Präventivprogramme für Gruppen, mit denen wir öfters vielleicht nicht in Kontakt kommen, wie etwa verschiedenste Diaspora Gruppen. Wir müssen auch auf allen ländlichen Ebenen aktiv werden. Wir müssen mit Leuten in Gemeinden reden. 

Im Wahlkampf hatte Donald Trump behauptet: „In Springfield essen die Migranten die Hunde  und Katzen der Einwohner“.  Sind das schlichtweg Lügen oder ist das Desinformation?

Was Trump gesagt hat, ist nachweislich völlig falsch. Aber ob er der festen Überzeugung war, dass er die Menschen  in Springfield warnen muss, weil er das wirklich geglaubt hat, kann ich Ihnen aus einer rein analytischen Perspektive nicht beantworten. Ich kann nicht in seinen Kopf hineinschauen.

Es könnte auch sein, dass es ihm schlicht egal war, ob es wahr oder falsch war. Und was bedeutet das, wenn einem Politiker die Wahrheit egal ist?

Man bemüht sich nicht um Wahrheit, aber um einen Inhalt mit einer bestimmten Absicht. Das ist ein Symptom unserer postfaktischen Realität. Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht mehr klassische Medienstrukturen haben, sondern in Zeiten, in denen Information allgegenwärtig ist und jeden Tag mit abertausenden Impulsen auf uns einprasselt. Und es wird zunehmend schwierig dort zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Ich glaube; Donald Trump ist ein Produkt dieser Realität, und er weiß: Ich kann einfach sagen, was ich will.

Das ist doch sehr gefährlich – nicht nur für die Politik. Das erschüttert unser Vertrauen  in alles – in die Politik, die Medien, die Wissenschaft, wenn wahr oder falsch so beliebig wird.

Und genau deshalb glaube ich, dass Desinformation eine der größten Bedrohungen für unser Zusammenleben und unsere Demokratie ist. Seitdem wir in den 2000ern soziale Plattformen gebaut haben, seitdem wir die Infrastruktur so gebaut haben, dass Informationen allgegenwärtig und von Algorithmen gesteuert  von allen Seiten durchrauschen, beeinflusst das radikal unsere Entscheidungsfindung. Sowohl auf der individuellen Ebene, wie auch auf der institutionellen Ebene. Das heißt, wir treffen schlechte Entscheidungen, wenn wir die falschen Informationen haben.

Auch wichtig in der Bekämpfung von Desinformation ist zu verstehen, dass sie u. a. ein Symptom von Verunsicherung, Angst und fehlendem Vertrauen ist. Fehlendes Vertrauen in unser gesellschaftliches System, in die Politik, in den Umgang miteinander. Und dieses fehlende Vertrauen oder diese Angst, kombiniert mit den ökonomischen Realitäten der letzten 20 Jahre, produziert einen fruchtbaren Boden für Desinformation. Desinformation wirkt eben oft erst, weil dieses Vertrauen teilweise gar nicht mehr da ist. 

Und wenn man dann gar nichts mehr glaubt?

Wenn man nichts mehr glaubt, ist das ist genauso gefährlich. Weil ich in eine Situation komme, wo ich erneut schlechte Entscheidungen treffe – auf Basis nicht vorhandener Informationen. 

Bedeutet das, dass man Medien pauschal misstrauen sollte?

Definitiv nicht. Es bedeutet auch nicht, dass ich sozialen Plattformen pauschal bei allem misstrauen sollte. Aber ich sollte verstehen, was ihre Ziele und Mechanismen sind. Und wenn ich die verstanden habe, kann ich den Kontext, in dem ich Informationen konsumiere, auch einordnen. 

Was war  die frechste Desinformation-Kampagne, die Sie in jüngerer Zeit am meisten überrascht hat?

Das ist die sogenannte Doppelgängerkampagne, sie hatte ihren Ursprung in Russland. Man hat einfach das Erscheinungsbild großer Medien kopiert, z.B. In Italien, La Stampa, oder Le Parisien in Frankreich. Dann hat man einfach den Leitartikel umgeschrieben zu etwa: Die Ukraine darf nicht überschätzt werden und Russland gewinnt. Abschließend wurden diese Doppelgänger-Seiten dann gezielt an die Bevölkerung des jeweiligen Landes ausgespielt.

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