„Canicule“: Paris debattiert über Klimaanlagen und kurze Hosen im Büro
Erlaubt ist das nicht – in normalen Zeiten. Jetzt aber tummeln sich dutzende Menschen in Bikinis und Badehosen nicht nur um den Canal Saint-Martin im Nordosten von Paris. Sondern sie springen auch hinein, auf der Suche nach der ersehnten Abkühlung. Das Rathaus der französischen Hauptstadt erlaubt ausnahmsweise das Baden in dem Kanal zu festgelegten Zeiten und in einem abgesteckten Abschnitt.
Denn die Zeiten sind nicht normal. Eine für Juni außergewöhnliche Hitzewelle legt sich schwer über das ganze Land. Am Dienstag wurde der heißeste, jemals gemessene Tag im Landesdurchschnitt gemessen. Für 58 der 101 Départements rief der französische Wetterdienst Météo France die Hitze-Warnstufe Rot aus. Etwas kühler blieb es lediglich in der Normandie, einem kleinen Teil der Bretagne sowie im Südosten. In Bordeaux erreichte das Thermometer am Dienstag 43 Grad, auch in Paris und selbst in Teilen der Bretagne kletterte es auf über 40 Grad. Erst zum Wochenende dürfte es abkühlen. Bis dahin sind auch die Nächte ähnlich tropisch wie in Österreich, mit deutlich über 20 Grad.
Hitzetote
Die französischen Notrufnummern melden einen Anstieg der Anrufe um bis zu 60 Prozent, die Notaufnahmen waren allerdings noch nicht überlastet. Mehrere ältere Menschen sind in den vergangenen Tagen bereits an den Folgen der extremen Hitze gestorben. Am Montag wurden zwei Kleinkinder tot in einem Auto auf einem Parkplatz im südfranzösischen Carpentras gefunden. Außerdem sind innerhalb einer Woche 40 Menschen ertrunken, darunter mehrere Jugendliche.
„Passen wir aufeinander auf“, mahnte Präsident Emmanuel Macron auf der Plattform X. „Achten wir gemeinsam auf unsere Ältesten, unsere Kinder, die isolierten oder geschwächten Menschen.“ Solche Hinweise seien wichtig, aber das Problem sei politisch, reagierte darauf die französische Grünen-Chefin Marine Tondelier. „Diese Hitzewelle ist das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen.“ Sie forderte deshalb das Recht auf einen „Klima-Urlaub“. Demgegenüber antworteten ihr Arbeitgebervertreter, Frankreich könne bei Hitze nicht stillstehen. In Teilen tut es das diese Woche allerdings.
Kurze Hosen im Arbeitsministerium, kein Alkohol, keine Demos
Vom bisherigen Dogma, auf Klimaanlagen zu verzichten, nahm Tondelier erstmals Abstand. „An manchen Orten geht das nicht mehr.“ Die Regierung sei für die Einrichtung von Klimaanlagen, „überall dort, wo es notwendig ist“, sagte Sprecherin Maud Bregeon. Derweil versicherte Arbeitsminister Jean-Pierre Farandou, wenn es „eine hübsche, gut geschnittene Bermuda“ sei, würde er kurze Hosen für Männer im Büro erlauben.
Im Großraum Paris wurde jeder zehnte Nahverkehrszug gestrichen, die Regionalpräsidentin Valérie Pécresse appellierte an Beschäftigte, nach Möglichkeit von zuhause aus zu arbeiten. Jean Castex, Chef der Staatsbahn SNCF, warnte, das französische Eisenbahnnetz sei „stark von diesem Hitzephänomen beeinträchtigt“, die Schienen dehnten sich bei den hohen Temperaturen aus. Er rate, Reisen nach Möglichkeit zu vermeiden oder zu verschieben.
In mehr als 1.000 Schulen des Landes fiel der Unterricht komplett aus, in mehr als 4.000 Einrichtungen wurden die Stundenpläne angepasst. Etliche Schul- und Abschlussfeiern wurden abgesagt. Im stark betroffenen Département Gers im Südwesten herrscht zudem das Verbot zu demonstrieren und auf der Straße Alkohol zu trinken. Feuerwerkskörper dürfen nicht ge- oder verkauft und schon gar nicht verwendet werden. Die Waldbrandgefahr gilt dort als sehr hoch. „Wir haben das Gefühl, dass Ende August ist“, sagte die im Gers lebende Viehzüchterin Ludivine Lot gegenüber der Zeitung Le Monde. Ein Foto zeigte sie auf einer von der Sonne beige gefärbten Wiese.
Kühlung im Brunnen am Place des Voges in Paris.
Horror-Sommer 2003
Frankreich hat fürchterliche Erinnerungen an den Hitzesommer 2003. Innerhalb weniger Wochen starben damals knapp 15.000 Menschen an Austrocknung oder Hitzschlag, darunter sehr viele ältere und alleinstehende Personen. In Paris waren die Leichenhallen völlig überfüllt. Seitdem gibt es einen vierstufigen nationalen Hitzeaktionsplan, der gezielte Maßnahmen vorsieht – von Informationskampagnen über präventive Anruf-Aktionen bei Senioren bis hin zu teilweisen Fahrverboten.
Trotzdem sind viele Schulen, Wohnungen und auch Arbeitsplätze nicht auf die immer extremer werdenden Hitzewellen eingestellt – denn die Anpassungen, darunter bessere Isolation und Klimaanlagen, kosten Geld. Auch in der Präsidentschaftskampagne bringen die Kandidaten bislang wenig überzeugende Vorschläge vor. „Strukturelle Maßnahmen sind notwendig, aber wenig verlockend für Politiker im Wahlkampf“, sagte Jean-François Julliard, Generaldirektor des Vereins France Nature Environnement. Frankreich hat den Fonds für den „nationalen Plan für die Anpassung an den Klimawandel“ in Höhe von 2,4 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 837 Millionen reduziert und davon zuletzt fast 20 Prozent eingefroren. Angesichts der Staatsverschuldung ist Sparen angesagt. Der Klima-Fonds galt bislang nicht als Priorität. Umweltministerin Monique Barbut sprach von einer „Investitions-Mauer“: „Die Anpassung erforderte eine langfristige Politik, sehr viel muss gemacht werden, von den urbanen über die Wasser- bis zu den Eisenbahnstrukturen.“ Das werde auf Dauer sehr viel Geld kosten und müsse vom Parlament abgesegnet werden. Dieses wiederum ist zersplittert.
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