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Politik Ausland
07/15/2020

"Burschen, seid cool": Macron kontert wütenden Gelbwesten

Ein Video des Streits sorgt für Furore im Netz. "Ihr seid auch keine Vorbilder für gegenseitigen Respekt", hört man Macron sagen.

von Danny Leder

Während Frankreichs neuer Premier Jean Castex eine ziemlich konventionelle Antrittsrede am Mittwoch vor dem Parlament hielt, sorgte ein Video-Streifen im Web für Furore – mit Präsident Emmanuel Macron und aufgebrachten „Gelbwesten“ in den Hauptrollen.

Er war bei einem Spaziergang mit seiner Frau Brigitte im Pariser Park der Tuileries von „Gelbwesten“ in einen Disput verwickelt worden.

Die „Gelbwesten“ sind eine lose aber radikale, aufstandsartige Bewegung gegen Macron, die sich im November 2018 an der Erhöhung der Spritpreise entzündet hatte. Es waren hauptsächlich Bewohner der Speckgürtel und Kleinstädte, die monatelang Straßen-Knotenpunkte blockierten und jeden Samstag in Paris und weiteren Städten aufmarschierten; Amtsgebäude und Geschäfte wurden verwüstet. Die Sicherheitskräfte setzten Hartgummi-Geschoße ein, die Dutzende Demonstranten schwer verletzten.

„Macron Demission“ rief eine solche „Gelbwesten“-Gruppe, als der Präsident im Park an ihnen vorbeiging. Statt seinen Weg schnell fortzusetzen, wozu ihn seine paar Bodyguards drängten, ging Macron, in salopper Lederjacke gekleidet, auf die Rufer zu und verwickelte sie in ein Gespräch. Einer der Demonstranten, der die Szene filmte und anschließend ins Netz stellte, warf Macron die Vorgangsweise der Polizei gegenüber den „Gelbwesten“ vor.

„Haben die Schnauze voll“

„Ihr seid auch keine Vorbilder für (gegenseitigen) Respekt“, entgegnete Macron: „Schaut euch um. Die ganzen Kaufleute und Karussell-Betreiber haben von euren Samstagsdemos die Schnauze voll.“ Auf das anschwellende Geschrei (darunter laut vernehmlich vonseiten des Mannes, der die Szene filmte, an den Präsidenten gerichtet: „Sie sind mein Angestellter“) reagierte ein zunehmend gelassener Macron mit einnehmenden Lächeln und beruhigendem Spruch: „Burschen, seid cool, schreit nicht.“

Der Dialog ging daraufhin weiter: „Wir können nicht länger, wir sind seit 18 Monaten cool“, sagte einer der „Gelbwesten“: „Wissen Sie, wir haben Probleme. Die Kaufkraft, die Steuergerechtigkeit, die Rentenreform“. Dazu Macron: „Ich kenne dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, ich habe (durch ungeschickte Äußerungen) dazu beigetragen.“

Der Rest dieser mit sichtlicher Konzentration vorgetragenen detaillierten Antwort des Präsidenten ging zwar im Lärm unter, aber zum Schluss hörte man, wie der anfänglich aggressive Gelbwesten-Sprecher den Präsidenten für seine unkomplizierte Gesprächsbereitschaft lobte: „Ich stimme zwar nicht für Sie, aber ehrlich, Respekt.“

Guter Effekt für Macron

Für Macron hat dieser ziemlich gelungene Spontan-Auftritt, der sich in den sozialen Medien massenhaft verbreitete, vermutlich mehr Wert als die üblichen politischen Exerzitien. Und das möglicherweise auch wegen der rituell wirkenden Kritik der Oppositionsführer. Der Chef der konservativen „Republikaner“, Christian Jacob, schulmeisterte Macron, weil dieser „ein echtes Sicherheitsproblem“ riskiert habe.

Der Linksaußen-Tribun Jean-Luc Melenchon beanstandete, dass Macron „nicht sehr vorsichtig“ gewesen sei. Dabei sind diese Gegner Macrons sonst schnell zur Stelle, um ihm seine „Überheblichkeit“ und „mangelnde Dialogbereitschaft“ mit der Bevölkerung vorzuwerfen.

Maskenpflicht ab August

Denselben Eindruck notorischer Nörgelei erwecken die Reaktionen auf Macrons Entscheidung, wegen des leichten Wiederanstiegs der Corona-Erkrankungen spätestens ab 1. August die Maskenpflicht, die bisher nur in Verkehrsmitteln galt, auf alle öffentlich zugänglichen Innen-Räume, wie etwa Geschäfte, auszudehnen. „Warum erst ab August?“, ereifern sich jetzt Politiker, die zuvor mit Vorwürfen gegen Macrons „autoritäres Gehabe“ schnell zur Hand waren.

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