Lianenspringer auf der Pentecost-Insel, Vanuatu

© Vanuatu Tourism Office / David Kirkland

Politik Ausland
02/23/2020

Ein Stamm und der "Diebstahl", ohne den es Bungee Jumping nicht gäbe

Stämme auf dem Inselstaat Vanuatu fordern eine Entschädigung vom offiziellen Erfinder des Bungee Jumpings. Über einen kuriosen und komplizierten Fall.

von Michael Hammerl

Auch so kann Mann seine Männlichkeit demonstrieren – oder sterben: Er springt von 20 bis 30 Meter hohen Holztürmen, nur gesichert von zwei Lianen, die um den linken und rechten Knöchel gebunden sind. Nicht selten berührt er am Ende des waghalsigen Sprunges den Boden – ein stumpfes Geräusch. Beizeiten reißt eine Liane, wenn sie zu trocken oder der Springer zu schwer ist. Dann wird es brenzlig.

Beim Ritual des „Land divings“ kommt es häufig zu schweren Verletzungen und tödlichen Unfällen. Es sind vereinzelte Stämme auf dem südpazifischen Inselstaat Vanuatu, die das Fruchtbarkeitsritual vollziehen. Der offizielle Erfinder des Bungee Jumpings – Alan John „AJ“ Hackett – machte nie ein Hehl daraus, was seinen Erfindergeist inspiriert hat: Die Lianenspringer von Vanuatu. Darauf verweist Hackett auch auf seiner Website.

Die Frage ist: Hat der Neuseeländer Vanuatus Kulturgut gestohlen? Und muss er dafür Entschädigung bezahlen?

Er hatte das Land bereist, den Brauch erlebt, war fasziniert. Hackett begann in den 1980ern zu experimentieren. Die Bambusstricke ersetzte er durch elastische Gummiseile. Inklusive weiterer Sicherheitsvorkehrungen reduzierte er die Wahrscheinlichkeit, beim Sprung Verletzungen zu erleiden. 1987 sprang er illegal von der zweiten Ebene des Eiffelturms in Paris (Video). Danach wurde Bungee Jumping ein weltweit beliebter Extremsport.

Häuptlinge wollen Geld

Hackett hat mit dem Unternehmen AJ Hackett Bungy gutes Geld gemacht. Er hält die wichtigsten Patente, das Unternehmen ist laut Schätzungen mehr als hundert Millionen Dollar wert. Das haben auch die indigenen Gruppierungen auf Vanuatu bemerkt. Etwa Stammesbewohner auf der Pentecost – eine von 83 Inseln, aus denen sich Vanuatu zusammensetzt.

Die Pentecost-Lianenspringer vom Volk der Sa stürzen sich zwischen April und Juli von ihren Türmen. „Wir waren schockiert, als sie uns erzählt haben, dass sie jede Menge Geld damit verdient haben“, sagte Häuptling Luke Fargo vor Kurzem dem australischen Medium ABC. Der 69-jährige Fargo hat selbst viele Sprünge absolviert. Er fordert Entschädigung: „Ich denke, wenn sie uns eine kleine Summe Geld bezahlen, wäre das richtig.“ Aber haben die Lianenspringer Recht auf Entschädigung durch den Neuseeländer Hackett?

Das Biodiversitätsabkommen (CBD) und die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) sollen den Diebstahl von sogenanntem „traditionellen Wissen“ regeln. Fakt ist: Es existieren mehrere Fälle, in denen Staaten oder Stämme für den Diebstahl von geistigem Eigentum entschädigt wurden.

Der Präzedenzfall "Hoodia"

Allerdings ging es dabei um „Biopiraterie“ – die kommerzielle Weiterentwicklung von Pflanzen. Experte und Publizist in diesem Bereich ist Rechtswissenschafter René Kuppe: „Ein wichtiger Fall, wo ein solcher Konflikt durch ein Übereinkommen vorläufig gelöst wurde, war der Fall Hoodia.“

Die Stämme der südafrikanischen San – nicht zu verwechseln mit Vanuatus Sa – kauen die Pflanze Hoodia Gordonii, um Hungergefühle zu stillen. Kuppe: „1996 gelang es Wissenschaftern des südafrikanischen Forschungsrates CSIR, ein Molekül zu isolieren, das nachweislich die durst- und hungerstillende Wirkung der Pflanze hervorruft.“

Kurz darauf verkauften Pharmakonzerne Präparate gegen Übergewicht mit dem Wirkstoff. Die San hatten dieser Nutzung ihres traditionellen Wissens nie zugestimmt. Indigene Organisationen protestierten, es kam zu einem Kompromiss. Die San erhielten sechs Prozent der Lizenzeinnahmen und damit mehrere Millionen Dollar.

„Meist werden solche Verhandlungen diskret geführt. Weder Eingeborene, noch Unternehmen haben ein Interesse daran, dass die Höhe der Geldsumme öffentlich wird“, erklärt Kuppe, der zu Vanuatu sagt: „In diesem Fall geht es um eine kulturelle Praxis, nicht wie bei Hoodia um technisches, konkret pharmazeutisch, anwendbares Wissen.“

Chancen sehr gering

Der Sprung von einem Turm mit Lianen an den Fußgelenken ist kein geistiges Eigentum, das völkerrechtlich eindeutig geschützt ist. Dafür müsste der Begriff „traditionelles Wissen“ erweitert werden.

Außerdem stellt sich die Frage, ob Lianenspringen und Bungee Jumping ein- und dasselbe sind. „Auch wenn das Bungee Jumping zweifellos nicht authentisch ist, wäre diese Entwicklung ohne Abschauen der traditionellen Praxis nicht denkbar gewesen“, sagt Kuppe.

Der Fall ist umstritten, und es gibt ein weiteres Problem. Nur vereinzelte Vanuatu-Stämme wie die Sa betreiben das Lianenspringen. Vanuatu erkennt sie nicht als juristische Person an, wäre nun aber dazu bereit, sie als Staat zu vertreten. Wohl zu spät: Der Diebstahl von traditionellem Wissen kann nicht rückwirkend eingeklagt werden

Zuerst sprangen nur Frauen

Bleibt die Hoffnung, das Hackett freiwillig bezahlt. Konkrete Verhandlungen hat er mit den Stämmen bisher nicht geführt, ihnen aber Kleider, etwas Geld und Flugtransfers nach Neuseeland geschenkt, damit sie das moderne Bungee Jumping erleben können.

Kurios: Eigentlich haben die Männer Vanuatus den „Land dive“ ebenfalls gestohlen – und zwar von ihren Frauen. In der Legende über des Sprunges Ursprung war es nämlich eine Frau, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann davonrannte. Der folgte ihr, deshalb kletterte die Frau auf einen Baum. Sie band sich zwei Lianen um die Knöchel, sprang, überlebte. Der Mann vergaß auf die Lianen, sprang ebenfalls – und starb.

Tatsächlich wurde der Lianensprung – in Vanuatu „Gol“ oder „Nanggol“ genannt – ursprünglich exklusiv von Frauen praktiziert. Sie sprangen mit Lianen um die Knöchel von Bäumen, ehrten damit ihr Vorbild. Ein subversiver feministischer Akt, der den Männern missfiel. Sie entschieden, dass den Frauen ein solches Ritual nicht zustand, verlegten es auf einen Turm – die Plattform symbolisiert den Penis – und sprangen ab diesem Zeitpunkt nur noch selbst.

Er besteht aus 83 Inseln
67 dieser Inseln sind bewohnt, der Staat gliedert sich in sechs Provinzen. 1980 erlangte Vanuatu die Unabhängigkeit von Frankreich und Großbritannien.

Gefährlichstes Land der Welt
Vanuatu führt den „Weltrisikoindex“ an. Heißt: Kein Land der Welt ist gefährlicher, wenn es um Naturkatastrophen geht. Stürme, Erdbeben, Vulkanausbrüche: Zuletzt verwüstete der Zyklon „Pam“ im März 2015 weite Teile des Inselstaates. Die Hauptstadt Port Vila traf es besonders hart.

267.000 Bewohner
Viele der Inseln sind schon seit Jahrtausenden bevölkert. 99 Prozent der Bewohner sind Melanesier.

Höchste Sprachendichte
In Vanuatu werden 110 unterschiedliche Sprachen gesprochen. Kein Land der Welt hat eine höhere Sprachendichte.

Auf Vanuatus Nachbarinsel Neukaledonien erzielten Stammeshäuptlinge eine außergerichtliche Einigung mit dem Unternehmen Dior. Dieses hatte Extrakte von Pflanzen, die ausschließlich auf Neukaledonien wachsen, in den 1990ern patentiert. Die Indigenen argumentierten, dass traditionelles Wissen von Dior gestohlen und kommerzialisiert worden sei. Über die Höhe der Kompensationszahlung ist nichts bekannt.

Das Biodiversitätsabkommen sieht einen kompensatorischen Ausgleich vor, wenn es um die Umverteilung der Gewinne geht. Ein genauer Prozentsatz ist hier allerdings nicht festgelegt.

  • UN-Deklaration über die Rechte indigener Völker (Link)
  • Biodiversitätsabkommen (Link)
  • Die Weltorganisation für geistiges Eigentum (Link)
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.