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Chronik Welt
07/10/2019

"Wollten mich von innen kochen": Hexenjagd in Papua-Neuguinea

In Papua-Neuguinea werden Frauen immer noch Opfer brutaler Folter und Ächtung, weil sie der "Zauberei" beschuldigt werden.

von Michael Hammerl, Armin Arbeiter, Tobias Pehböck

Eigentlich müssten sie Todfeindinnen sein: Mako und Josephine. Dass sie heute nebeneinander im Gras sitzen und scherzen, zwischen Palmen und Bambushütten, wirkt bei aller Ironie fast magisch.

Und eigentlich sollten die zwei "Hexen", Mako und Josephine, auch längst tot sein, doch das Schicksal hat sie nach nahezu unbeschreiblichen Torturen hierher geführt. 

Der Bach rauscht durch die Anlage des St. Francis Care Homes. Das katholische Waisenhaus liegt auf einer Anhöhe der Stadt Mendi, Provinz Southern Highlands, im melanesischen Inselstaat Papua-Neuguinea.

Rebecca Joseph ist die Gründerin des Waisenhauses, betreibt es seit 2006, hat die Anlage laufend erweitert und modernisiert. Rebecca hat damals den Schritt in die Freiheit vollzogen und ihren gewalttätigen Ehemann – einen Stammeshäuptling mit einem Dutzend Ehefrauen – verlassen.

Ihr neuer Mann, Joseph, unterstützt sie in der täglichen Arbeit. Am meisten Zeit investiert das Paar in die Betreuung der Waisenkinder, deren Tagesablauf streng geregelt ist: Beten, Betten machen, im Fluss waschen, zur Schule gehen, im Fluss waschen, beten und schlafen. Dazwischen gibt es geregelte Mahlzeiten, vor allem Tropenfrüchte.

„Gott hat mir die Weisheit geschenkt, das zu tun. Niemand sonst“, sagt Rebecca über ihre Arbeit. Gott hin oder her: Wo es keine Rebeccas gibt, ist in Papuas Hochland die Hölle los.

In ihrem Waisenhaus finden nämlich nicht nur Waisenkinder Zuflucht, sondern auch Frauen, die gesellschaftlich geächtet werden. Frauen wie Mako und Josephine, die als „Hexen“ gelten.

Zuerst traf es Mako. Sie lebte im Dorf Tetia, als in der Nähe ihrer Hütte ein kleiner Junge von einem Baum fiel. Ein gebrochener Ast, ein gebrochenes Genick, ein trauriger Unfall. Oder nicht? In Papua-Neuguinea, vor allem im Hochland, ist der Glaube an Zauberei weit verbreitet. Hochlanddörfer wie Tetia sind de facto rechtsfreie Räume. Die Polizei mischt sich im Normalfall nicht ein.

Vermeintliche Zauberer können für Missernten, Buschfeuer, Todesfälle und grundsätzlich alles verantwortlich gemacht werden, was schlecht ist. Auch für den tragischen Tod eines kleinen Buben. Schamanen, die beizeiten auch für Schmiergeld arbeiten, haben die Macht, Zauberer zu identifizieren.

Lebendig verbrannt

Mako passte perfekt ins Täterprofil: Witwe, weiblich, kinderlos, alt, eine gesellschaftliche Außenseiterin im polygamen Patriarchat Tetias. „Eine Gruppe von Männern hat mich gefangen genommen und meine Augen verbunden. Sie haben mich nackt ausgezogen und an ein Holzkreuz gefesselt“, erzählt Mako. Auf dem Dorfplatz hatte sich ein Mob zusammengerottet. Einige wollten die Hexe brennen sehen. Erst dann wäre der böse Geist vernichtet, der Tod des Buben gerächt. „Sanguma“ nennen die Einheimischen den bösen Zauber.

„Die Männer haben in einem Lagerfeuer Eisenstangen erhitzt. Dann haben sie meine Beine gespreizt und mich gefoltert. Sie haben versucht, mich von innen zu kochen.“ Um ihr eigenes Leben zu retten, beschuldigte Mako drei andere Frauen der Hexerei. Todesangst und Höllenqualen hätten sie dazu getrieben.

Zwei Beschuldigte konnten sofort fliehen. Wohin, ist unklar. Die Dritte war Josephine. Sie hatte den Mob verpasst, schlief in ihrer Hütte. „Um eins in der Nacht pochte mein Bruder an die Tür. Normalerweise kommt er, um sich Geld zu borgen“, berichtet Josephine. Sie öffnete ihm. Vor der Hütte erwartete sie eine Gruppe Dorfbewohner. Sie trieben Josephine zum Dorfplatz. Dort hing noch immer Mako am Kreuz. Josephine wurde ebenfalls ausgezogen, gefesselt und gefoltert. In Todesangst habe sie nach ihren Brüdern geschrien.

„Meistens werden Zauberer lebendig verbrannt“, berichtet Rebecca.

Wiedertreffen mit der „Verräterin“

Mako und Josephine hatten Glück. Ein paar einflussreiche Dorfbewohner bezweifelten ihre Schuld. Deshalb wurde zuerst Mako und später auch Josephine unter dem Vorbehalt freigelassen, nicht mehr zurückzukehren. Mako kaufte sich ein Busticket zum Dorf Ialibu. Dort wollte sie bei einer Freundin leben. Als die Ialibus erfuhren, was Mako widerfahren war, wurde „die Hexe“ wieder verjagt.

Josephine erging es ähnlich. Mit ihrem Baby auf den Schultern verließ sie den Ort des Schreckens. Nicht alle waren damit einverstanden: „Ich ging in die Stadt hinunter, umringt von Leuten. Sie schrien, brüllten und kreischten, warfen Steine und Holzprügel nach mir. Einer wollte mir mit seiner Machete den Kopf abschlagen, verwundete mich.“ Josephine suchte ihre Mutter, ihre Brüder und die Hochland-Stadt Mount Hagen auf. Sie wurde überall verstoßen und bedroht. „Ich war schon dabei, mich zu erhängen. Da sah ich meine kleine Tochter, spürte Mitgefühl. Ich wollte sie nicht alleine lassen. Nur deshalb bin ich heute noch am Leben“, sagt Josephine.

Schlussendlich kehrte sie nach Mendi zurück, ging zur Polizeistation. Die Polizisten brachten sie zu Rebecca. „Rebecca empfing mich am Eingang. Sie hat gesagt: ,Die alte Frau, die am Versammlungsplatz deinen Namen genannt hat, ist ebenfalls hier. Wirst du ihr vergeben? Dann darfst du bleiben‘.“ Auch mangels Alternativen – wie Josephine zugibt – willigte sie ein.

Keine Angst vor Rache

Der Vorfall ist über drei Jahre her. Seit etwa zwei Jahren leben Mako und Josephine bei Rebecca. Sie helfen ihr bei der Betreuung der Kinder. Josephine geht wieder ihrem Gewerbe nach. Sie näht sogenannte Bilums, bunte Handtaschen aus Baumwolle, und verkauft sie am Markt. In der Stadt werde sie immer noch bedroht. Laut Rebecca gibt es beizeiten Attacken auf die Bambus- und Wellblechhütten ihrer Einrichtung.

Victor*, ein Hochlandbewohner aus der Nähe Mendis, kann den Hass der Menschen nachvollziehen: „Natürlich sind das Hexen. Ohne schwarze Magie hätten sie nie die Folter überlebt“, ätzt er und rühmt sich damit, dass in seinem Dorf in den vergangenen Monaten vier Zauberer lebendig vergraben worden seien – einer in einer Buschtoilette. Werden derartige Vorfälle gemeldet, geht ihnen die Polizei in der Regel nicht nach. Mangels Interesse, Personals und auch deshalb, weil weite Teile der Hochlandbevölkerung Victors Meinung teilen – auch Polizisten.

Josephine betont, dass sie Mako mittlerweile tatsächlich vergeben habe. Beide Frauen beteuern, keine magischen Fähigkeiten zu besitzen. Und Rebecca will neue Gebäude auf ihrer Anlage errichten lassen. Derzeit leben hier 14 Kinder, einige Mütter und vermeintliche Hexen. Finanzielle Unterstützung bekommt sie nur von katholischen Organisationen. Die Regierung interessiere sich nicht für das Projekt. Bewacht wird die Anlage von Freunden und Verwandten.

Rebecca hat keine Angst vor dem Tag, an dem sich der Volkszorn gegen sie und ihr Asylheim für Waisen und Hexen richten könnte. Sie pilgert sogar durch die Umgebung, um die Menschen aufzuklären. Ihre Einrichtung ist stadtbekannt. „Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wenn sie uns töten, dann sterben wir und fahren zum Himmel“, sagt sie und lacht voller Entschlossenheit.

Fragmente eines kaputten Staates

Papua-Neuguinea ist seit 1975 von Australien unabhängig. Der postkoloniale Staat mit parlamentarisch-demokratischer Regierungsform beherbergt etwa 8,3 Millionen Einwohner – etwas weniger als Österreich. Der Unterschied: Die Landesfläche Papuas ist mehr als fünfmal so groß. Zudem werden in Papua etwa 850 Sprachen gesprochen – Weltrekord. Das Stammesdenken ist allgegenwertig, zieht sich bis in höchste politische Kreise. Korruption durchdringt sämtliche Staats- und Verwaltungsapparate.

Gleichzeitig mangelt es an Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern, intakten Straßen. 35 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Mendis Bewohner mokieren sich, dass die letzte Governeurswahl in der Southern-Highlands-Provinz manipuliert worden sei. Und zwar von beiden Spitzenkandidaten. In der Stadt herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände, Söldnertruppen tauchten auf, fackelten unter anderem ein Flugzeug und den Supreme Court ab, verschwanden wieder.

Rund um Mendi wüten Stammeskriege, auch im Dorf Tetia. Bei all diesem Wirrwarr kämpfen unzählige christliche Missionen und Sektierer um Einfluss: Ob katholisch oder evangelisch, ob Seventh Adventist Church oder New Tribes Mission. Um verurteilte Zauberer kümmert sich kaum jemand. Überleben sie, sind sie gesellschaftlich geächtet. Rebecca erledigt eine gefährliche Arbeit: „Wir sammeln hier Zauberer ein. Die Menschen sollen sie zu uns bringen, anstatt sie zu verbrennen.“

* Name wurde von der Reaktion geändert.