Premier Johnson beim obligaten Spitalsbesuch im Wahlkampf

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Politik Ausland
12/10/2019

Britischer Wahlkampf mit Doktorspielen

Die Gesundheitskrise ist neben dem Brexit das beherrschende Thema vor den Parlamentswahlen in Großbritannien.

von Konrad Kramar

Zuletzt war es doch nur eine Grippe und der Zwischenfall im Krankenhaus von Leeds harmlos. Das Foto des kleinen Jack aber löste eine Lawine in den sozialen Medien aus und landete schließlich auf der Titelseite der Lokalzeitungen. Es zeigte den 4-Jährigen nämlich schlafend auf dem Boden des Spitals liegend, mit einem Beatmungsgerät neben ihm und nur mit dem roten Mantel seiner Mutter Sarah zugedeckt.

„Wie konnte man zulassen, dass das passiert?“, fragte eine Zeitung in ihrer Schlagzeile.

Die Antwort war rasch gefunden, und sie war beschämend alltäglich. Die Notaufnahme des Spitals war am vergangenen Wochenende einfach dermaßen überlastet, dass der Bub, der mit dem Verdacht auf Lungenentzündung ins Krankenhaus kam, für einen anderen schwereren Fall die Liege räumen musste.

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Da Jack zum Sitzen zu schwach war, blieb der Mutter und den Krankenschwestern nichts anderes übrig, als ihn auf den Boden zu legen.

Entschuldigungen

Der Chef des Krankenhauses war sofort mit einer öffentlichen Entschuldigung zur Stelle, doch das konnte die Welle der Empörung nicht stoppen. Die schwappte wenige Tage vor den Parlamentswahlen fast unweigerlich in den Wahlkampf.

Chronische Krise

Premierminister Boris Johnson versuchte es ebenfalls mit einer Entschuldigung bei Mutter und Sohn und versprach dann, wie schon so oft, mehr als großzügige neue Förderungen für das britische Gesundheitssystem.

Dessen chronische Krise ist in Großbritannien seit Jahrzehnten ohnehin allgegenwärtig. Wenn es ein Thema gibt, das man von London bis Edinburgh gleich nach dem Wetter bespricht, dann ist es das Gesundheitssystem und die unliebsamen Erfahrungen, die ein Verwandter oder Bekannter wieder einmal gemacht hat.

Das NHS, so das allgegenwärtige Kürzel für das öffentliche Gesundheitssystem, ist in Großbritannien eine Art Nationalheiligtum. Gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg, soll es allen Bürgern, ungeachtet von Einkommen, Arbeitsverhältnissen oder Krankenversicherung, eine Gesundheitsversorgung bieten.

Da die Kosten wie überall unaufhaltsam angestiegen sind, reichen die staatlichen Mittel dafür längst nicht mehr aus. Die Folgen: endlose Wartezeiten bei Ärzten, aber auch auf Operationen, Einschränkungen bei moderner Hightech-Medizin wie in der Krebstherapie, vor allem ein dramatischer Mangel an Ärzten und Krankenschwestern.

Eiserne Sparpolitik

Die eiserne Sparpolitik der regierenden Konservativen hat die Krise in den vergangenen Jahren verschärft. Auch hat der drohende Brexit die Zuwanderung an Fachkräften, mit der man die Lücken noch einigermaßen auffüllen konnte, deutlich eingebremst.

Wenn in diesem Wahlkampf einmal nicht vom Brexit die Rede ist, sind alle Parteien mit großmundigen Versprechen zur Stelle, das NHS zu retten. Lange war es eher die sozialdemokratische Labour-Partei, die die Konservativen für die Gesundheitskrise verantwortlich machte, auch weil diese zuletzt immer häufiger Kooperationen mit privaten Anbietern im Gesundheitssystem eingegangen waren.

Verschwörungstheorien

Parteichef Jeremy Corbyn, ein prinzipientreuer altmodischer Linker, versprach, das NHS vor jeglicher Privatisierung zu schützen. Dazu bauschte man enthüllte Geheimdokumente von Gesprächen zwischen konservativen Politikern und Vertretern von US-Pharmakonzernen zu einer Verschwörungstheorie auf: Boris Johnson plane, sofort nach dem Brexit das NHS US-Unternehmern zu überlassen.

Große Versprechungen

Während also der Labour-Chef bei den TV-Debatten dem Premier unaufhörlich derartige Absichten unterstellte, konterte der wiederum mit ähnlich realitätsfernen Versprechen. Nicht nur werde man Milliarden von Pfund umgehend für das NHS zur Verfügung stellen, auch 50.000 Krankenschwestern und Tausende Ärzte würden innerhalb kürzester Zeit in Dienst gestellt.

Schon bei den ersten Nachfragen von Journalisten, wo er denn um alles in der Welt diese Krankenschwestern hernehmen wolle, geriet der Premier rasant ins Schleudern, verhedderte sich in Zahlenspielen und musste sich schließlich notdürftig korrigieren.

Für die Briten aber sind weder die Missstände in ihrem Gesundheitssystem noch die leeren Versprechungen der Politiker etwas Neues. Man bleibt also bei der alltäglichen Gewohnheit, sich über volle Spitäler und leere Schwesternzimmer auszutauschen und macht sich nicht allzu viel Hoffnungen auf rasche Genesung des gebrechlichen NHS.

Selbst Sarah, die Mutter des kleinen Jack, gab sich nach dem Vorfall eher resigniert als wütend: „Es gibt einfach nicht genug Betten, um mit dem Andrang zurechtzukommen.“

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