David Frost gilt als enger Freund von Premier Johnson

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Politik Ausland
06/30/2020

Brexit: Frosty soll’s für Johnson in der EU richten

Die Frist für die Ausdehnung der Verhandlungen ist verstrichen. Nun soll David Frost einen Deal bis Jahresende herzaubern.

von Georg Szalai

"Wir wollen nur, was andere Länder haben“, sagte David Frost, britischer Brexit-Chefverhandler, bei einer Rede im Februar in Brüssel. Diese Woche ist er wieder dort zur ersten von fünf Gesprächsrunden, die die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU klären sollen. Die Frist für eine Verlängerung des Abschlusses über den 31. Dezember 2020 hinaus lief gestern, Dienstag, ab. Zunächst. Und der Ton wird rauer.

"Das muss eine richtige Verhandlung sein“, twitterte Frost. Nicht umsonst hat der 55-jährige Karrierediplomat den Ruf, in Verhandlungen britische Höflichkeit mit Härte zu verbinden. „Er ist fleißig, gründlich und engagiert, Zähigkeit zu zeigen und die britische Unabhängigkeit zu betonen“, analysiert David Henig vom European Centre for International Political Economy gegenüber dem KURIER.

Diplomat und Denker

Böse Zungen sagen aber, seine wichtigste Eigenschaft sei es, ein enger Vertrauter von Premier Boris Johnson zu sein, dessen innerster Kreis ihn Frosty nennt. "So wie diese Gruppe ist auch er gegenüber anderen Teilen der Verwaltung und Interessengruppen misstrauisch“, weiß

Henig. Er ist ein "erfahrener Diplomat, Denker und Verhandler“, lobt Johnson Frost.

Großbritannien war im Jänner aus der EU ausgetreten, aber ist bis zum Jahresende noch Teil des Binnenmarktes und der Zollunion. Ohne Deal drohen ab 2021 Zölle und andere Hindernisse. Das soll Frost verhindern und ab September die Zukunftsvision eines starken, unabhängigen Großbritannien umsetzen – als Nationaler Sicherheitsberater, zu dem ihn Johnson am Sonntag ernannte.

"Die Katze im Sack"

Das Duo macht gehörig Druck und will ein Freihandelsabkommen bis August verhandeln, auch wenn die EU-Seite bisher eher signalisiert hat, dass das länger dauern würde. Johnson sagte kürzlich plakativ, Frost und sein Team würden jetzt "den Tiger in den Tank packen“. EU-Chefverhandler Michel Barnier schoss zurück, er sei dazu bereit, aber nicht dazu, "die Katze im Sack zu kaufen“.

Frost überlässt Johnson gerne das Rampenlicht. Weniger charismatisch, aber auch ruhiger und weniger polemisch als seine höherrangigen Freunde, beruft sich Frost gerne auf Geschichte und Philosophie, vor allem auf den konservativen Denker Edmund Burke. Professor Pippa Catterall von der Uni Westminster sagt, Frost lege Burke aber aus, wie es ihm passe.

Frost wurde in Derby, im Herzen Englands, geboren und studierte zur gleichen Zeit wie Johnson an der Universität Oxford. Nach seinem Abschluss in Geschichte, mit Fokus auf mittelalterliche europäische Geschichte, und Französisch startete er seine Diplomatenkarriere im Außenamt und ging dann nach Nikosia, Brüssel, New York und Paris. Als er 1993 in der Britischen Repräsentanz bei der EU anfing, war er für Wirtschafts- und Finanzthemen zuständig. Seine Erfahrung war Auslöser für seine Wandlung zum EU-Skeptiker.

Whisky-Business

Er war später zwei Jahre lang Botschafter in Dänemark, aber warf 2013 das diplomatische Handtuch, um Chef des Scotch Whisky Verbandes zu werden. Dabei schlug er viel EU-freundlichere Töne an und lobte "die Vorteile“ des Binnenmarktes.

Das änderte sich 2016 als ihn Johnson, damals Außenminister, als Sonderberater zu sich holte. Frost ist für Johnson sogar bereit, dessen Nationalen Sicherheitsberater-Posten anzutreten, sollten die EU-Verhandlungen bis dahin nicht abgeschlossen sein. Sein Fokus würde bei den Verhandlungen bleiben "bis sie beendet sind – so oder so“, sagte er am Sonntag. Beobachter sehen das als Zeichen, dass London auch für einen Brexit ohne EU-Deal bereit ist.