Wo sind die Zeiten des souveränen Wahlsiegs hin? - Boris Johnson auf BBC

© via REUTERS/JEFF OVERS

Politik Ausland
10/06/2020

Boris Johnson in der Zange zwischen Labour und Nigel Farage

Der britische Premier liegt in Umfragen erstmals zurück; auch von Rebellen aus dem eigenen Lager droht ihm Ungemach

von Georg Szalai

„Völlige Inkompetenz“ warf die oppositionelle Labour Partei vergangene Woche Boris Johnson vor. Und Brexit-Partei-Chef Nigel Farage sagte, der britische Premier habe einen „schrecklichen Fehler“ gemacht. Johnson hatte eine Frage zu den neuesten Corona-Regeln seiner Regierung falsch beantwortet. Die Entschuldigung, er habe sich „falsch ausgedrückt,“ erntete ihm nur noch mehr Häme.

Die Episode fasst den Zustand der britischen Politik zusammen: Nachdem Johnson die konservativen Tories im Dezember zu einem überlegenen Wahlsieg führte, hat er wegen diverser Corona-Fehltritte an Unterstützung und Elan verloren. Nun wird er von beiden Seiten in die politische Zange genommen und könnte einen Erfolg gut gebrauchen. Das mag seine zahmeren Worte zum Endspurt der Verhandlungen mit der EU über ein Handelsabkommen erklären. Johnson, der versprochen hatte, „den Brexit zu erledigen,“ sagt jetzt, er sei „ziemlich optimistisch“ und wolle lieber „einen Deal“.

Vor allem die empfundene Corona-Inkompetenz hat den Vorsprung der Tories von fast 20 Prozentpunkten im Frühjahr zerfressen „und Rivalen neue Chancen eröffnet,“ erklärt Professor John Curtice, Politologe an der Strathclyde Universität, dem KURIER über den wachsenden Druck auf Johnson. Das Meinungsforschungsinstitut Opinium fand Ende September sogar, dass Labour erstmals seit Johnsons Amtsantritt als Premier im Juli 2019 vor den Tories liegt – mit 42 zu 39 Prozent.

Labour-Chef punktet

Labour-Chef Keir Starmer hat in der Kanzlerfrage mit 36 Prozent vier Prozentpunkte Vorsprung. Starmer hat die Partei in die politische Mitte gerückt, bewirbt die „neue Führung,“ um sich von Vorgänger Jeremy Corbyn zu distanzieren, und betont sogar seinen Patriotismus. „Corona und Johnsons Unfähigkeit haben ihm schon geholfen, aber er hat sich bemerkenswert gut geschlagen und sich als sehr kompetent präsentiert,“ sagt Professor Steven Fielding, ein Experte für Labour an der Universität Nottingham. „Er ist ein bisschen wie Tony Blair, der auch respektabel aussah, vernünftig klang und sehr moderat war.“

Johnson hat auch mit zunehmender Kritik aus dem konservativen Lager zu kämpfen. Rund 80 Tory-Abgeordnete haben sich als Rebellen positioniert und ihm das Versprechen abgerungen, das Parlament über Corona-Einschränkungen abstimmen zu lassen „wenn möglich.“

Auch der Rechtspopulist Farage kritisiert immer häufiger die Virus-Politik der Regierung. Er nannte verschärfte Corona-Strafen „autoritär“ und drohte neulich sogar, eine Anti-Lockdown-Partei zu starten. Curtice sagt, das reiche vielleicht nicht für eine Partei-Plattform, „aber Farage und jegliche Attacke von ihm sind immer potenziell gefährlich für Johnson und könnten seine Unterstützung weiter aushöhlen“.

Den alten Boris zurück

Experten sehen den virtuellen Parteitag der Tories, wo Johnson am Dienstag eine Rede halten wird, als Chance für ihn, sein Profil wieder zu schärfen. Denn viele Konservative wünschen sich nichts mehr als den „alten“ verwegenen Boris zurück.

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