Die Fragen nach „Wer?“ und „Warum?“ hinter dem Attentat blieben bis dato unbeantwortet

© REUTERS/HANNIBAL HANSCHKE

Reportage
12/20/2016

Berlin trauert, Berlin kämpft: "Frohe Weihnachten. Trotzdem"

Das Unvorstellbare, vor dem sich alle gefürchtet haben, hat in Berlin Einzug gehalten. Doch die Berliner waren immer anders – sie sind es auch jetzt: Die verwundete Stadt kämpft um Normalität.

von Evelyn Peternel

"Fünf Minuten später, und ich wäre gestern auch dabei gewesen", sagt die junge Frau an der Absperrung. Ihre Hände sind verschränkt, die Lippen schmal; sie bemüht sich sichtlich um Normalität, doch so ganz gelingt ihr das nicht. Gestern, das war der Tag, an dem das Unvorstellbare in Berlin passiert ist, an dem sie "wohl einen Schutzengel" hatte, wie sie bitter sagt: Sie war noch in der Arbeit im Kaufhaus Bikini, als der Lkw über den Berliner Breitscheidplatz donnerte; als zwölf Menschen ihr Leben verloren und Dutzende weitere verletzt wurden.

Heute, am Tag danach, blickt sie starr auf den Lkw, der noch wie ein Mahnmal des Grauens aus den kaputten Holzhütten ragt. "In den letzten Wochen habe ich mich in Sicherheit gewogen – gerade, weil jeder so etwas erwartet hat", sagt sie leise. Die Szenerie ist gespenstisch; erst, als der Lkw am späten Vormittag abgeschleppt wird und das eigentliche Mahnmal dort wieder ins Zentrum rücken darf, ändert sich das langsam. In der Gedächtniskirche, jenem zerbombten Kirchturm, der die Berliner an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erinnert, sammeln sich immer mehr Menschen, um mit dem Schrecken von heute umzugehen. "Wollen Sie vielleicht mit mir sprechen?", fragt Kurt Anschütz, einer der Pfarrer, die seit den frühen Morgenstunden hier sind, um den Menschen Trost zu spenden. Ein Pärchen hält sich weinend in den Armen.

"Es muss weitergehen"

In den Räumen der Kirche und rund um den Breitscheidplatz scheint die Zeit still zu stehen; draußen aber, und dieses Draußen ist gar nicht weit entfernt, scheint der Stadt die Normalität noch nicht verloren gegangen zu sen. Am Bahnhof Zoo, dem wohl berühmtesten der Stadt, strömen Reisende von Zug zu Zug, kaufen Zeitschriften, trinken Kaffee. Wüsste man nicht, was ein paar hundert Meter weiter geschehen ist, man würde nichts ahnen; einzig die vielen Polizisten fallen auf. "Es muss ja weitergehen", sagt auch der 19-jährige Florian, der mit seinem Freund Marcel gestern und heute hier gewesen ist, um Kerzen anzuzünden. Angst? Nein, die hat er nicht. "Ich lebe mein Leben weiter", sagt der Berliner – auch, weil er "denen", wie er sagt, keine Genugtuung geben will. "Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen."

"Es geht um die Opfer"

Dem stimmen viele zu, die hierher gekommen sind. Ohnehin wird das Wer, das Warum, das Wie noch so viele Tage die Schlagzeilen beherrschen, sagen viele; "heute geht es um die Opfer ", sagen auch die beiden Freunde.

Einige Meter weiter sieht man das nicht so. Dort steht jene Seite der Normalität, die sich hier nicht jeder wünscht, und die nicht nur an diesem Dienstag am lautesten ist: Ein kleines Grüppchen Merkel-Kritiker hat sich dort versammelt, als die Kanzlerin am Nachmittag am Tatort Blumen niederlegt. "Die ist schuld an allem", ruft ein bärtiger Mann ihr hinterher, als sie in großer Distanz aus ihrem Dienstwagen steigt; ein anderer hält ein Plakat in der Hand, auf dem der Reichstag unter einem Halbmond zu sehen ist. "Pfui!", hört man noch, bevor ein anderer gegen ihn anschreit: "Ach, haltet doch die Klappe!". Normalität in Deutschland, 2016, könnte man sagen.

Um die bemüht sich auch die Frau an der Absperrung noch immer, die ihren Namen nicht nennen will, weil sie so nah am Tatort arbeitet. Sie würde gern zur Arbeit, das Bikini ist aber weiträumig abgesperrt; deshalb geht sie zwischen den vielen Kerzen und Blumen herum, die dort liegen. "Ich bin Berlin", steht auf einem handgeschriebenen Zettel; "in uns lebt ihr weiter" auf einem anderen. Daneben macht eine junge Frau Musik, "Love is stronger", hat sie auf Zettel geschrieben. Zwei Nonnen hören ihr lächelnd zu.

Verlorene Sorglosigkeit

Über den Köpfen der Menschen, die hier stehen und trauern, hängt ein Schild an dem hippen Kaufhaus; lange stand es für die Sorglosigkeit, die Berlin wie kaum eine andere Stadt verströmte. "Hier flaniert Berlin", ist darauf zu lesen, eine Erinnerung an das unbeschwerte Westberlin, das sich trotz der Mauer so unbeschwert selbst inszenieren konnte; und auch eine Erinnerung daran, was auch aus Berlin in den letzten Jahren geworden ist: eine unkomplizierte, wundersame, aber vor allem bunte Stadt.

Hoffentlich wird das bald wieder, sagt auch die junge Frau. "Frohe Weihnachten. Trotzdem ", sagt sie, bevor sie lächelnd weitergeht.