Politik | Ausland
18.08.2016

Belgrad wird die Kriegsschuld nicht los

Außenminister Dacic sieht toten Milosevic als "freigesprochen" – Den Haag kontert.

In den vergangenen Tagen bemühten sich mehrere serbische Medien, den früheren jugoslawischen und serbischen Präsidenten posthum vom Vorwurf der Kriegsverbrechen freizusprechen – und somit auch die Last der Kriegsschuld von Serbien und vom serbischen Volk zu nehmen. Der aktuelle Außenminister Ivica Dacic sagte dazu: "Der Westen schweigt darüber, dass Den Haag Milosevic vom Verdacht auf Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung freigesprochen hat, aber Serbien darf nicht schweigen." Andere Regierungsmitglieder unterstützen Dacic in der Behauptung.

Der Hintergrund: Slobodan Milosevic verfolgte als Präsident das Ziel Großserbien und wurde vor allem in westlichen Medien meist als Hauptverantwortlicher der Balkankriege und "Totengräber Jugoslawiens" dargestellt. Er wurde 2001 festgenommen und vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag des Völkermordes beschuldigt. Nach fünfjährigem Prozess starb der herzkranke Milosevic in seiner Zelle – noch bevor ein Urteil gefällt werden konnte.

Der Anführer der Bosnischen Serben im Krieg, Radovan Karadzic, hingegen wurde im vergangenen März nach siebenjährigem Prozess in mehreren Punkten schuldig gesprochen. Darunter Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verfolgung, Internierung und Deportation. Die Argumentation des serbischen Außenministers: Wenn Karadzic für die Kriegsverbrechen in den 90ern schuldig ist, dann kann Milosevic es nicht auch sein.

Nichts damit zu tun

Auf KURIER-Anfrage schmetterte ein Sprecher des Haager Kriegsverbrechertribunals Dacics Äußerungen allerdings ab: "In diesem (Karadzics, Anm.) Fall wurden nicht genügend Beweise gefunden, dass Slobodan Milosevic dem Plan zugestimmt hat." Wohl aber, dass er "den Bosnischen Serben Personal, Vorräte und Waffen während des Konflikts zur Verfügung gestellt" habe. Das Tribunal habe aber bezüglich Milosevic im Karadzic-Fall "keine Schuld ermittelt". "Im Karadzic-Fall wurde Herr Milosevic also tatsächlich nicht beschuldigt. (...) Das hat aber keinen Einfluss auf den Status seines eigenen Falles oder seiner eigenen kriminellen Verantwortung."