Politik | Ausland
23.11.2017

Seehofer: Der vertagte Machtwechsel

In der CSU deutet sich dieses Szenario an: Söder als Chef der Staatskanzlei, Seehofer weiter Parteichef. Oder bleibt doch alles beim Alten? Der Ober-Bayer lässt mit seiner Entscheidung warten.

"Danke, Angela Merkel, für diese vier Wochen" – ja, diese Worte stammen von Horst Seehofer. Und, nein, es schwingt kein Ton von Ironie mit. Bevor er vergangenen Sonntag nach dem "Jamaika"-Aus in die Nacht verschwand, bedankte er sich bei der Kanzlerin, die er mal wie ein Schulmädchen abkanzelte und nach dem Wahldebakel hängen ließ ("Zusammenarbeit überdenken").

Die Zeit in Berlin kam ihm tatsächlich gelegen, denn Seehofer spielt auf Zeit. In Bayern tobt seit langem ein Machtkampf, den ein Jüngerer gewinnen will. Markus Söder, einst als Kronprinz gehandelt, wurde 2012 unsanft mit der Realität konfrontiert, als ihm Seehofer öffentlich "charakterliche Schwächen" und "Schmutzeleien" vorwarf. Seither kehrte nie wirklich Friede ein. Und der 68-jährige Seehofer ist nicht gewillt, das Zepter aus der Hand zu geben. Auch bei den gestrigen Sitzungen des CSU-Vorstands fiel keine klare Entscheidung. Aus Teilnehmerkreisen hieß es am Abend bloß, Seehofer wolle bis Anfang Dezember Gespräche über eine "Zukunftslösung" für die Partei führen.

Dabei war es Seehofer selbst, der Spekulationen und Erwartungen angeheizt hatte: Er werde sich am Donnerstag zu seiner Zukunft äußern, ließ er Anfang der Woche wissen. Dies ist nun vertagt worden - nach eigenen Worten auf Anraten seiner engsten Vertrauten. Ließ er damit eine Chance aus, selbst zu bestimmen, wann er geht – oder bleibt alles beim Alten?

Offener Konflikt zwischen den Lagern

Fakt ist, in der CSU rumort es – besonders heftig am vergangenen Wochenende. Während der Chef in Berlin nächtens über ein Bündnis mit Grünen und FDP verhandelte, braute sich ein Konflikt zusammen. Aus dem Seehofer-Lager drangen Gerüchte durch, wonach Wirtschaftsministerin Aigner als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2018 kandidieren will. Man könnte per Urwahl abstimmen lassen, so ihre Idee – woraufhin der gegnerische Söder-Stamm attackierte. Den ersten Pfeil schoss Ludwig Spaenle, ein Vertrauter Söders. Er warf Aigner "politisches Leichtmatrosentum" vor. Vom Abgeordneten Florian Hermann hieß es, dass "nicht irgendwelche Möchtegerns Ministerpräsident werden können, sondern nur jemand, der das Zeug dazu hat". Sein Name fiel nicht, aber jeder wusste, wer gemeint war: Söder.

Dass sein Wechsel an die Macht bevorsteht, zeichnete sich auch gestern ab. Noch während der Fraktionssitzung sorgt eine Eilmeldung des Bayerischen Rundfunks für Aufregung: Der 50-Jährige soll Ministerpräsident werden, Seehofer bleibt weiterhin Partei-Chef. Zwar dementierte die CSU-Sprecher diese Meldung umgehend - von "totaler Quatsch" bis "noch ist nichts entschieden" - aber dieses Szenario halten Polit-Beobachter für sehr wahrscheinlich. Es wäre eine Ämtertrennung, wie sie es schon zwischen Alfons Goppel und Franz-Josef Strauß gab oder zwischen Edmund Stoiber und Theo Waigel.

Einen Rücktritt traut Seehofer hingegen niemand zu. Dafür habe er zuletzt zu viel Luft in Berlin geschnuppert. Schon vor einem Jahr deutete er an, dass es dort einen CSU-Chef brauche – "damit wir da den anderen die Stirn bieten können".

Das gilt scheinbar auch trotz "Jamaika"-Aus. Denn was in den Sondierungen vereinbart wurde, war sicher nicht umsonst, ließ der Noch-Parteichef gestern wissen. Es sei "so etwas wie ein Schatzkasten. Da kann niemand mehr hinter zurück", so Seehofer. Gut möglich, dass er ihn als Merkels Minister für die Bayern hüten will.