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Politik Ausland
10/22/2021

Bande entführte US-Bürger: Haiti in den Fängen der Unterwelt

Die Entführung von 17 Missionaren in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince zeigt die Macht der Verbrecherbanden. Ein Land versinkt im Chaos.

von Johannes Arends

Sie verließen das Waisenhaus am Sonntag in einem Bus: Fünf Männer, sieben Frauen und fünf Kinder, das jüngste von ihnen gerade einmal acht Monate alt. Ihr Ziel, die Zentrale ihrer christlichen US-Hilfsorganisation am Rande der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, erreichten sie nicht mehr.

Eine der Frauen verschickte über den Messengerdienst WhatsApp einen letzten Hilferuf: "Wir werden als Geiseln gehalten, sie haben unseren Fahrer entführt. Bitte betet für uns!"

Wie der haitianische Justizminister Liszt Quitel inzwischen bestätigte, wurden die 17 Missionare von der berüchtigten Verbrecherbande "400 Mawozo" entführt, was auf deutsch in etwa "400 Anfänger" bedeutet. Die Kriminellen fordern für das Leben der US-Bürger (einer ist Kanadier) ein Lösegeld in der Höhe von einer Million US-Dollar – pro Kopf.

Entführungen und anschließende Lösegeldforderungen sind auf Haiti als Haupteinnahmequelle der örtlichen Verbrecherbanden nichts Neues. Dass nun aber auch schon eine derart große Gruppe Ausländer zum Ziel wurde, zeigt, wie wenig sich die Gangs inzwischen vor den örtlichen Behörden fürchten.

Vor allem 400 Mawozo ist den meisten Haitianern in der Hauptstadt Port-au-Prince ein Begriff, denn die Bande hält den Vorort Croix-des-Bouquets fest unter ihrer Kontrolle. Die Behörden sind weitestgehend machtlos. Vor allem, seit dort im Februar bei einem Massenausbruch aus dem örtlichen Gefängnis rund 400 Insassen entkommen waren. Anschließend starben bei einer Schießerei mit der Polizei 26 Menschen, die Hälfte davon Zivilisten.

Auf den Straßen der 140.000-Einwohner-Gemeinde finden landesweit die meisten Entführungen statt. In ganz Haiti sind in diesem Jahr schon mehr als 600 Menschen verschleppt worden, mehr als je zuvor.

Ermordeter Präsident

Der Tropenstaat, der sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, hat schon seit Jahren mit gravierenden Problemen zu kämpfen. Auch wenn Corona aufgrund des tropischen Klimas verhältnismäßig zahm blieb: Naturkatastrophen, Kriminalität und Epidemien belasten das ärmste Land der westlichen Hemisphäre schwer. Doch spätestens seit diesem Sommer ist die Situation völlig außer Kontrolle.

Am 7. Juli drangen mehrere unbekannte Männer in die Villa des Präsidenten Jovenel Moïse ein und töteten ihn mit mehreren Schüssen. Auch Moïses Frau wurde mehrfach getroffen, sie überlebte den Anschlag jedoch schwer verletzt. Die Tat ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der Version der Polizei zufolge wurde das Attentat von einem in Florida lebenden haitianischen Arzt in Auftrag gegeben.

Im September klagte dann der Staatsanwalt Bed-Ford Claude den amtierenden, interimistischen Ministerpräsidenten Ariel Henry an – doch es kam nie zu einem Verfahren, denn Henry entließ nicht nur Claude, sondern auch den damaligen Justizminister aufgrund „gravierender Verwaltungsfehler“.

Das Machtvakuum, das infolge des politischen Chaos entstand, haben die Banden gefüllt. In ihrer Verzweiflung riefen die Einwohner Haitis deshalb in dieser Woche zum Generalstreik auf. Ihr Protest blieb bisher unerhöhrt.

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