Die US Coast Guard fliegt Verletzte aus

© APA/AFP/US COAST GUARD/DAVID STEELE

Chronik Welt
08/16/2021

Arzt nach Erdbeben in Haiti: "Wir können nicht mehr"

Der bitterarme Karibikstaat versinkt auch politisch im Chaos. Die ersten Hilfslieferungen sind angekommen.

von Susanne Bobek

Schwere Regenfälle durch das tropische Tiefdruckgebiet „Grace“ erschweren die Suche nach Vermissten. Nach dem schweren Erdbeben der Stärke 7,2 am Samstag mit mindestens 1.300 Toten warteten Verletzte auch noch am Montag auf ihre Behandlung. Es gebe mehr als 5.700 Verletzte, berichtete die Zeitung Le Nouvelliste unter Berufung auf den Zivilschutz. Doch im Katastrophengebiet um die Gemeinde Saint-Louis-du-Sud gab es bis Samstag nur drei Ärzte. Inzwischen kam Verstärkung durch Orthopäden, Chirurgen und 42 Assistenzärzte aus der Hauptstadt Port-au-Prince.

Die amerikanische Coast Guard ist bereits vor Ort und flog Schwerverletzte aus. Auch Mexiko hat Flugzeuge mit Hilfslieferungen losgeschickt. „Wenn es so viel regnet wie vorhergesagt, wissen wir wirklich nicht, was wir tun sollen,“ sagte einer der Ersthelfer, der Arzt Michelet Paurus. „Ein Schlag nach dem anderen – wir können nicht mehr.“

„Wir brauchen viel Unterstützung, um der Bevölkerung zu helfen, vor allem den Verletzten“, erklärte Haitis Interims-Premierminister Ariel Henry auf Twitter.

Nach Angaben von Caritas International werden vor allem Nahrung, Trinkwasser, Zelte und medizinische Erstversorgung benötigt. Die Lage vor Ort sei weiterhin chaotisch, das Ausmaß der Katastrophe noch nicht absehbar.

Teile des armen Karibikstaats waren bereits im Jahr 2010 von einem schweren Erdbeben verwüstet worden. Im Zentrum des Bebens lag das dicht besiedelte Port-au-Prince. 222.000 Menschen starben, mehr als 300.000 wurden verletzt. Das Land hat sich seither nicht mehr erholt. Die Korruption blüht und Banden haben ganze Landstriche im Griff.

Keine Richter

Auch politisch ist die Lage äußerst angespannt – erst Anfang Juli war Staatspräsident Jovenel Moïse in seiner Residenz ermordet worden. Seine Leibwächter waren in den Anschlag eingeweiht, doch die Ermittlungen stocken, denn Haitis Justiz findet keinen Ermittlungsrichter. Die infrage kommenden Juristen hätten Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Familien.

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