Das Medienaufkommen ist groß

© REUTERS/RICARDO ARDUENGO

Chronik Welt
07/12/2021

Haiti: Ein Präsidentenmord mit Potenzial für Hollywood

Nach dem Attentat auf Jovenel Moïse präsentiert die Polizei einen Drahtzieher, der offenbar die Macht an sich reißen wollte. Derweil versinkt das Land im Chaos.

von Philipp Albrechtsberger

Zwanzig Schachteln voll mit Munition, sechs Pistolenhalfter, Kennzeichentafeln aus der Dominikanischen Republik und eine Kappe der US-Drogenbehörde zur Tarnung. Was nach allen nötigen Zutaten für eine spannungsgeladene Hollywood-Fiktion klingt, ist traurige Realität im Karibikstaat Haiti.

Nach der zunächst mysteriös anmutenden Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse in der vergangenen Woche ergibt sich allmählich das Bild einer großen Verschwörungsaktion. In der Nacht von Sonntag auf Montag hat die Nationalpolizei Haitis laut eigenen Angaben einen mutmaßlichen Drahtzieher ausgeforscht und festgenommen. Es handelt sich um den haitianischen Arzt Christian Emmanuel Sanon, der im US-Bundesstaat Florida lebt, wie Polizeichef Léon Charles der Presse mitteilte.

Der Mann sei im Juni in einem Privatflugzeug nach Haiti gekommen, um die Präsidentschaft an sich zu reißen. An dem Einsatz beteiligt waren auch zahlreiche Beamte von US-Behörden, die eingangs erwähnten Gegenstände waren bei einer Hausdurchsuchung in der US-Wohnung des Arztes gefunden worden.

Der 63-Jährige wird beschuldigt, die als Attentäter verdächtigten kolumbianischen Söldner über eine venezolanische, private Sicherheitsfirma mit Sitz in Florida angeheuert zu haben. Er sei der Erste gewesen, den diese nach dem Attentat angerufen hätten. Sanon ist insgesamt die 21. Person, die als Tatverdächtiger nach dem Mordanschlag festgenommen worden ist.

Politisch bleibt die Lage auf Haiti instabil. Seit dem Mord führt Interims-Premierminister Claude Joseph die Regierung, obwohl Moïse noch zwei Tage vor seiner Ermordung den Neurochirurgen und Ex-Innenminister Ariel Henry zum Nachfolger ernannt hatte. Henry sagte in einem Interview, aus seiner Sicht sei er der wahre Interims-Premierminister. Das Parlament ist ohnehin seit Anfang des Jahres 2020 nicht beschlussfähig, nachdem eine Wahl ausgefallen war und die Amtszeiten der meisten Abgeordneten abliefen. Der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs starb zudem vor wenigen Wochen an den Folgen von Covid-19.

Für 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen geplant. Mindestens bis dahin dürfte noch das Chaos regieren. Auch deshalb drängten in den vergangenen Tagen Tausende Haitianer Richtung US-Botschaft, um Visagenehmigungen zu ergattern und der Situation in der Heimat entfliehen zu können. Die internationale Gemeinschaft hat jedenfalls Claude Joseph, der auch Außenminister ist, als Ansprechpartner anerkannt. Seine Regierung bat die ehemalige Besatzungsmacht USA, Truppen zu schicken, um für Sicherheit zu sorgen und die Infrastruktur zu schützen. Dafür wurden hochrangige Beamte des FBI und des Heimatschutzministeriums nach Haiti geschickt.

Die Zeit drängt. Jimmy Cherizier, einst Polizist und mittlerweile berüchtigter Bandenchef, bezeichnete den Mord an Moïse als internationale Verschwörung und rief alle Banden des Landes auf, zu mobilisieren.

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