Politik | Ausland
05.01.2018

Ban: "Bedauere, dass wir nicht mehr erreicht haben"

Der Ex-UN-Chef und der Bundespräsident a. D. arbeiten auch in ihrer "Pension" an einer besseren Welt.

Ex-UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat gemeinsam mit Ex-Präsident Heinz Fischer in Wien Landstraße ein Zentrum zur Bewältigung globaler Herausforderungen eröffnet. Das Ban Ki-moon Zentrum soll durch seine Aktivitäten Entwicklungsziele und Menschenrechte fördern. Mit dem KURIER sprachen die beiden Vorsitzenden über ihre Ambitionen.

Was erwarten Sie sich von dem Zentrum? Warum sollte gerade dieses die Welt verändern?

Fischer: Unser Anspruch ist nicht, die Welt zu verändern. Wir sind Realisten. Aber wir glauben, dass es wichtig ist, sich internationalen Aufgaben zu widmen. Unsere politischen Erfahrungen sollen nicht ungenützt bleiben. Die Möglichkeiten, auf internationaler Ebene nützlich zu sein, sind bei Weitem nicht ausgeschöpft. Konkrete Pläne arbeiten wir gerade aus.

Ban Ki-moon: Die Welt verändern klingt ehrgeizig. Unser Beitrag wird am Anfang vielleicht bescheiden sein. Aber wir versuchen, unsere Kapazitäten auszuweiten. Wir erwarten, dass wir für junge Menschen und Frauen vor allem durch Ausbildung etwas weiter bringen, Leben retten können. Das schaffen wir natürlich nicht alleine. Wir arbeiten mit Organisationen wie UNESCO, IOC, FIA. Aufgrund unserer früheren Tätigkeiten haben wir gute Netzwerke auf der ganzen Welt.

Herr Ban, haben Sie schon eine Wohnung in Wien? Zieht es Sie wieder zurück? Sie kennen die Stadt ja gut aus Ihrer Zeit als Botschafter Südkoreas.

Ban: Eine Wohnung habe ich nicht, aber ich werde so oft wie möglich herkommen.

Fischer: Wussten Sie, dass er immer sagt, dass in Wien eine Hälfte seines Herzens wohnt?

Ban: Ja, ich habe mein Herz in Wien gelassen, habe ich damals gesagt.

Fischer: Warte! Das ganze Herz? (lacht)

Österreich betont immer gerne seine Vermittlerrolle als kleines, neutrales Land. Denken Sie, das funktioniert auch mit der neuen Regierung?

Ban: Wien hat diesbezüglich eine lange Tradition. Auch aktuell, man denke an die Atomvereinbarung mit dem Iran. Wir haben einen UN-Sitz hier, viele wichtige internationale Organisationen. Wien ist ein sehr passender Ort, um für eine bessere Welt zu arbeiten.

Fischer: Ich glaube, Österreich ist nach wie vor ein Land, das für viele internationale Aufgaben hervorragend geeignet ist.

Auch mit einer Regierung, die in der Welt teilweise umstritten ist?

Ban: Ja.

Fischer: Davon gehe ich aus. Das wünsche ich mir.

Herr Ban, wie verfolgen Sie die Krisen in der Welt, die so lange Ihr Leben dominiert haben?

Ban: Ich verfolge sie sehr genau. Die Situation auf der koreanischen Halbinsel ist die schlimmste seit Ende des Koreakrieges und steht an einem kritischen Punkt. Wir müssen alles tun, um die Spannungen zu reduzieren und in einem nächsten Schritt die Halbinsel zu entnuklearisieren. Alle Parteien müssen einen kühlen Kopf bewahren! Ich wünschte, dass die USA, Südkorea, China, Nordkorea, Japan und Russland enger zusammenarbeiteten. Der Frieden und die Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel haben starke regionale und globale Auswirkungen. Wir haben in den vergangenen Tagen kleine Zeichen der Öffnung gesehen, die Grund zur Hoffnung geben.

Sind Sie froh, dass Sie sich jetzt, da Sie nicht mehr UN-Chef sind, nicht mit einer Person wie Donald Trump herumschlagen müssen?

Ban: Es geht nicht darum, ob ich froh bin oder nicht. Als Privatperson bin ich nicht direkt verantwortlich, was in der Welt passiert. Aber als ehemaliger UN-Chef kann ich meine eigenen Ansichten nicht so einfach auf den Tisch legen. Aber wenn ich an das Klimaabkommen denke, da hat der US-Präsident sehr kurzsichtig und unverantwortlich gehandelt. Es gibt nicht viele Menschen, die denken, dass seine Entscheidung hilfreich war. Er steht damit möglicherweise auf der falschen Seite der Geschichte. Es ist absolut klar, dass ein Klimawandel stattfindet. Viel schneller, als man denkt. Wir haben keine Zeit zu verlieren!

Eines Ihrer erklärten Ziele war es, die UN enger zusammenzurücken. Doch sie rückte auseinander. Man denke an die Syrien-Krise...

Ban: Wir haben unser Bestes gegeben, um dem syrischen Volk zu helfen. Ich bedauere, dass wir nicht mehr erreicht haben. Auch wegen der Spaltungen im Sicherheitsrat. Viele Staaten handeln basierend auf ihren nationalen Interessen anstatt nach globalen Notwendigkeiten. Doch genau das erwartete die Welt von ihnen, als sie ihnen das Privileg erteilt hat, Mitglied des Sicherheitsrates zu werden. Ich appelliere an die Ständigen Mitglieder, ihre Verantwortung wahrzunehmen!

Fischer: Meine einfache Formel ist: Patriotismus ist gut, egoistischer Nationalismus ist ein Hindernis für vernünftige globale Politik. Alles, was wir im Ban Ki-moon-Zentrum tun, basiert auf der Überzeugung, dass alle Menschen gleich an Rechten und Würde sind. Das muss auch die Guideline in der Weltpolitik sein - genauso wie in der Flüchtlingsfrage und in der Armutsbekämpfung. Nationalstaaten werden ihre Wichtigkeit behalten. Aber in Zeiten der Globalisierung wird sich die Balance verschieben zwischen den Themen, die man national lösen kann und jenen, die internationale Zusammenarbeit brauchen.

Momentan scheint es in eine andere Richtung zu gehen...

Geschichte ist wie ein Pendel - es bewegt sich hin und her und gleichzeitig nach vorne. Historiker werden uns in einiger Zeit sagen, ob der Nationalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch weitergewachsen ist oder wie man ihn bekämpfen konnte.

Herr Ban, sie sagten, dass im Sicherheitsrat nationale Interessen oft größer waren als globale. Meinen Sie, dass man eine Reform der UN überlegen sollte?

Ban: Dieses Bestreben gibt es immer wieder. Was Transparenz und Rechenschaft betrifft, haben wir in meiner Zeit als UN-Generalsekretär schon viel erreicht. Das macht mich stolz. Aber wenn es um grundlegende Fortschritte, konkrete Themen ging, dann wurden wir oft blockiert. Ich hoffe, da tut sich bald etwas.