„Sei ein Mann, zeig deine Gefühle“: Geschlechterrollen auf dem Balkan

Der heutige 19. November gilt wie jedes Jahr als Internationaler Männertag. Patriarchale Gesellschaftsstrukturen können zu Gewalt führen
Mit dem Ende des Sozialismus erstarkten in Südosteuropa traditionelle Geschlechterrollen wieder. In 30 Städten der Region treffen junge Menschen wöchentlich zusammen, um mit ihnen zu brechen.

Kürzlich starb Lorent Retkoceris Onkel. Der 17-jährige Schüler aus Pristina, Kosovo, war der einzige Mann in seiner Familie, der weinte. „Männer weinen nicht“, das höre er immer wieder, erzählt er dem KURIER in einem Videotelefonat. Er sei stolz auf seine Tränen gewesen: „Aber ich musste mir vorsagen, dass das keine große Sache ist.“

Lorent ist eines von über 2.600 Mitgliedern sogenannter „Be a man Clubs“ (BMC) auf dem Westbalkan. In 30 Städten treffen junge Menschen einmal pro Woche zusammen, um in Workshops Geschlechterrollen zu hinterfragen sowie über tabuisierte Themen wie psychische Gesundheit, Gewalt und Sex zu sprechen. Auch Filmabende, Ausflüge und Sommercamps werden organisiert.

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Das Projekt begann 2006 mit einem Fokus auf junge Männer. Kampagnen mit Slogans wie „Sei ein Mann, zeig deine Gefühle“ führten in der Region zu Bekanntheit. Seit 2012 stehen auch junge Frauen im Mittelpunkt des Programms, dessen Geldgeber u.a. die NGO CARE und die Österreichische Entwicklungsagentur sind. Die Clubs werden von trainierten Koordinatoren geleitet – oft sind diese selbst Absolventen des Programms. Im Idealfall arbeiten sie für mindestens drei Jahre mit denselben Jugendlichen.

Klischees vermeiden

Wie sehen die Geschlechterverhältnisse in der Region heute aus? Laut Dijana Simić, Geschlechterforscherin an der Universität Innsbruck, ist es wichtig, keinen „pauschalisierenden Klischees vom patriarchalen und rückständigen Balkan anheimzufallen“.

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