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Analyse
08/31/2021

Abzug aus Afghanistan: USA überlassen Taliban ein Waffenarsenal

Aus dem Kampf gegen den Terror wurde eine Flucht im Terror. Die NATO wird ihre Geopolitik künftig massiv umstellen müssen.

von Armin Arbeiter

"Die Amerikaner sollten sich nicht auf eine Schlacht, sondern auf einen lang andauernden Feldzug einstellen, wie wir ihn bisher noch nicht erlebt haben“, schwor US-Präsident George Bush seine Nation im September 2001 auf den Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan ein. Bereits Montagabend haben die US-Streitkräfte das Land ohne Bedingungen verlassen, dies bestätigte General Kenneth McKenzie, der das Zentralkommando Centcom führt. Als letzter US-Soldat verließ Generalmajor Chris Donahue, Kommandeur der 82. Luftlandedivision, Afghanistan.

Auch in den allerletzten Tagen haben die USA weitere Soldaten durch Terroranschläge verloren. Bis zu sechs Raketen wurden allein am Montag auf den Kabuler Flughafen abgefeuert. Auch wenn diese von Abwehrsystemen abgefangen werden konnten, ist dieser Vorfall bezeichnend für den Abzug der US-Truppen: Gekommen, um "den Terrorismus" zu besiegen, beim Rückzug von Terror verfolgt.

Ebenso bezeichnend die Kritik der neuen Herrscher Afghanistans nach einem US-Vergeltungsschlag gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) am Wochenende: „Es ist widerrechtlich, dass die USA in anderen Ländern nach Belieben Angriffe ausführen“, hieß es vonseiten der Taliban, jener Organisation, deren Zerschlagung der US-Einsatz zum Zweck hatte.

Mittlerweile regieren die Taliban Afghanistan wieder, haben obendrein Tonnen an Waffen und militärischer Ausrüstung von den USA erbeutet (siehe oben).

Besitz heißt nicht Einsatz

Etwa dass die Islamisten mittlerweile über mehr Black Hawks verfügt als 85 Prozent der restlichen Staaten, schockiert. Freilich bedeutet der bloße Besitz nicht, dass sie auch eingesetzt werden können: „Einerseits bräuchten sie ausgebildete Piloten aus der ehemaligen afghanischen Armee, andererseits ist eine gesamte Logistikkette notwendig, um dieses System zu nutzen und vor allem zu warten“, sagt Generalmajor Johann Frank, Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK), zum KURIER.

Wie die Taliban nach dem endgültigen Abzug der USA das Land regieren, werde sich noch zeigen: „Afghanistan ist derzeit kein in sich geschlossenes Islamisches Emirat, wo die Taliban uneingeschränkt herrschen können“, sagt er. Politisch wie wirtschaftlich sei die Organisation auf der Suche nach internationalen Partnern – „welche das letztendlich sein werden, hängt davon ab, ob sich der pragmatische oder der Hardliner-Flügel durchsetzt“.

Ein Wunschpartner dürfte bereits feststehen: Mit der Türkei strebten die Taliban eine enge Zusammenarbeit an, sowohl beim Thema Wirtschaft als auch in der Bildung, sagte ein Taliban-Sprecher. „Das türkische Volk und der Staat sind unsere Freunde. Es gibt sehr viele Gründe dafür, dass unsere Freundschaft bestehen bleibt.“ Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bereits zuvor erklärt, sein Land wolle den Taliban beim Aufbau von Infrastruktur in Afghanistan behilflich sein. Es ist durchaus möglich, dass türkische Kräfte in Zivil künftig den Flughafen Kabul betreiben. Das wäre für den UN-Sicherheitsrat von Vorteil.

Das mächtigste UN-Gremium erhöhte Montagabend mit einer Resolution den Druck auf die Taliban. Darin wird auf die Zusagen der Radikal-Islamisten vom Freitag verwiesen, wonach Afghanen das Land jederzeit und auf allen möglichen Wegen ungehindert verlassen dürfen.  Russland und China enthielten sich bei der Abstimmung. Auch mit dieser Resolution wird sich die NATO, deren Mitglied auch die Türkei ist, eine andere Art der Einsatzführung überlegen müssen, will sie in der Geopolitik weiterhin aktiv bleiben.

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