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Politik Ausland
02/21/2020

Attentat von Hanau: "Der Täter wurde von rechter Stimmung ermutigt"

Tobias R. wollte ganze Völker auslöschen. In Hanau tötete er 10 Menschen, gezielt Migranten – das wird politisch ausgeschlachtet

von Evelyn Peternel, Karoline Krause-Sandner

Neun Tote, alle mit Migrationshintergrund, gezielt getötet in zwei Shishabars. Das zehnte Opfer: die eigene Mutter, bei der er wohnte.

Was Tobias R. in Hanau bei Frankfurt/M. angerichtet hat, lässt Deutschland fassungslos zurück. Denn die Morde waren lange geplant: Einige Tage vor der Tat stellte der 43-Jährige ein Bekennerschreiben und ein Video ins Netz. Dokumente, die Einblick in seine krude Geisteswelt geben, die im Netz herumgereicht werden.

Darf und soll man darüber berichten?

Ja, man soll, man muss sogar, sagt der Berliner Rechtsextremismusforscher Hajo Funke. Gerade deshalb, weil Attentate wie dieses eine politische Dimension haben: Dass Tobias R. davon träumte, ganze Ethnien auszulöschen, vor allem jene muslimischen Glaubens, kommt schließlich nicht von irgendwoher. Seine Ansichten sind definitiv rechtsextrem, und das hat in Deutschland eine besondere historische (und auch eine aktuelle) Relevanz.

Rechtsextreme Vorbilder

„Natürlich glaube ich, dass R. von einer rechten Stimmung ermutigt worden ist“, sagt Funke. Zwar handelte R. laut ersten Erkenntnissen alleine, war den Behörden – trotz seiner Bekennerschreiben und -videos – nicht bekannt. Parallelen lassen sich aber durchaus zu anderen Attentätern ziehen: Zu jenen Männern etwa, die in Christchurch und Halle Anschläge verübten, beide aus rassistischen Motiven. Die sind auch bei Tobias R. massenhaft zu finden. Die Wissenschaft beweise, „dass manche Rassen überlegen seien“, schreibt er etwa in seinem 24-seitigen Manifest. Er verwendet Worte wie „Grob-Säuberung“, in Länder in Nordafrika, Zentralasien, im Mittleren und Nahen Osten müssten „Völker komplett vernichtet werden“, fantasiert er weiter. Auch Deutschland müsse „gesäubert“ werden. „Eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen.“

Scheinrationalität

Sätze wie dieser erinnern an krude NS-Terminologie, aber auch an Ideen der Neuen Rechten. „Er bedient sich der rechtsextremen Ideologie“, sagt Funke, aber er „radikalisiert sie noch weiter zu Größen- und Verfolgungswahn in scheinrationaler Weise“. Verbrämt sind diese Rassenwahn-Theorien nämlich mit Fantasien über eine „Geheimorganisation“, die den 43-Jährigen seit seiner Geburt beobachte, wie er meint. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Frauenverachtung – auch das verbindet Tobias R. mit den Tätern aus Christchurch und Halle: „Er ist ein sogenannter Incel“, analysiert Terrorismusexperte Peter R. Neumann. Incel, also „involuntary celibate“, sind unfreiwillig enthaltsam lebende Männer – Tobias R. war das: In seinem Pamphlet schreibt er, er lebe seit 18 Jahren zölibatär. Wohl, weil er keine Frau fand. „Ich wollte das Beste haben oder gar nichts.“

AfD-Umdeutungen

Die Politik ringt nun damit, wie mit der Causa umzugehen ist. Vor allem deshalb, weil die Taten schnell eine politische Dimension bekommen haben: Die AfD ließ sich nämlich nicht lange Zeit, um die Attentate für sich auszuschlachten – Diskursverschiebung inklusive.

Georg Pazderski, Chef der Berliner AfD, brachte die Morde – wie schon bei Attentaten zuvor – mit Merkels Politik in Verbindung. „Ist das wirklich noch das 2017 von der Merkel-CDU beschworene Deutschland, in dem wir gut und gerne leben?“, fragte er auf Twitter. Sein Bundeschef Jörg Meuthen ging noch weiter; er stellte den rechtsextremen Hintergrund in Abrede. „Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren“, schrieb er.

Das Entsetzen folgte sogleich, allein: Zynisch daran sei, dass die AfD selbst die verbalen Vorlagen für Attentäter wie Tobias R. liefere, sagt Funke. „Es ist wie das, was wir von Björn Höcke kennen.“ Höcke, Thüringens AfD-Chef, gilt als offen rechtsextrem. Wie er auf die Taten reagierte? „Der Wahnsinn scheint sich in diesem Land immer mehr auszubreiten“, schrieb er. Die Worte „Terror“ und „rechtsextrem“ sucht man bei ihm vergebens.

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