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Politik Ausland
10/14/2019

Assad an der Grenze: Was bedeutet das für den Syrien-Krieg?

Der Deal zwischen Assad und den Kurden könnte die verworrenen Strukturen im syrischen Bürgerkrieg nachhaltig verändern.

von Armin Arbeiter

Seit Sonntagabend sind assadtreue Truppen auf dem Weg zur syrisch-türkischen Grenze. In der ostsyrischen Stadt Hassaka sowie in der Stadt Manbidsch sollen bereits erste Verbände stationiert sein, geplant ist auch ein Truppentransport in die Stadt Kobane. Ob die syrische Armee und ihre Verbündeten auch in weiteren Grenzstädten stationiert werden sollen, ist noch unklar. Doch was bedeutet diese Aktion für den syrischen Bürgerkrieg und wer sind die wichtigsten Akteure? Der KURIER liefert einen Überblick:

Was bedeutet die Stationierung von Assads Truppen an der türkischen Grenze für…

 … die Türkei?

Sollte dies tatsächlich geschehen, müsste es sich das türkische Militär schon zweimal überlegen, die geschichtsträchtige Stadt Kobane – vor fünf Jahren eine kurdische Bastion gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ – anzugreifen. Eine direkte Konfrontation mit assadtreuen Kräften würde die Offensive sofort in eine ganz andere Dimension im verworrenen syrischen Bürgerkrieg katapultieren.

Russland machte bereits klar, was ein türkischer Angriff auf syrische Truppen bedeuten könnte: „Wir hoffen, dass die türkischen Streitkräfte und ihre Verbündeten nicht leichtsinnig einen Krieg mit der syrischen Regierung vom Zaun brechen wollen“, hieß am Sonntag.

Die Türkei, die auf diplomatischer Ebene bisher ein gutes Verhältnis zu Russland und dem Iran hatte – auch wenn sie im Konflikt auf unterschiedlichen Seiten stehen – stünde noch isolierter da als jetzt. Und was ein unterkühltes Verhältnis mit Russland bedeutet, weiß Erdogan noch aus dem Jahr 2016.

Zuvor hatte die türkische Luftabwehr einen russischen Kampfjet abgeschossen, Putin strafte das Land daraufhin mit Sanktionen, verbot seinen Bürgern, in der Türkei Urlaub zu machen. Der Tourismus brach ein.

… die Kurden/SDF?

Auf den ersten Blick bedeutet die Stationierung von Assads Truppen Schutz vor türkischen Angriffen – wie sich die SNA (von der Türkei geförderte Rebellen) verhalten wird, ist fraglich. Noch ist unklar, was das Assad-Regime im Gegenzug verlangt hat, es könnte sich etwa um Zugang zu den Ölfeldern im Nordosten oder bei Deir ez Zor im Süden handeln.

Zwischen den Kurden und Assad ist es seit langem zu keiner militärischen Konfrontation mehr gekommen. Auch wenn sie grundsätzlich auf verschiedenen Seiten stehen, hatten beide Fraktionen desöfteren Nichtangriffspakte. Im Hintergrund ist es immer wieder zu Verhandlungen gekommen. Und ohne ihre Schutzmacht, den USA, ist das Assad-Regime für die Kurden immer eine „Option“, wie es der Oberbefehlshaber der SDF.

Wer kämpft in Syrien?

  • Das Assad-Regime, der Iran und die libanesische Hisbollah

Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung stehen mittlerweile unter Kontrolle der Assad-Regierung. Seit dem Eingreifen Russlands in den Syrischen Bürgerkrieg im September 2015 hat die syrische Armee weite Teile des Landes zurückerobert. Das Gros der Bodentruppen stellen schiitische Milizen, die aus dem Iran und Afghanistan stammen. Außerdem kämpft auch die libanesische Hisbollah-Miliz an der Seite Assads.

Mit Hilfe dieser Verbündeten konnte Assad die großen Städte Aleppo, Damaskus, Homs und Hama vollständig unter seine Kontrolle bringen. Belagerten Widerständlern stellten die Streitkräfte das Ultimatum: entweder Kapitulation und Umsiedelung nach Idlib, oder Vernichtung durch Bombardements – in den meisten Fällen, etwa in der Damaszener Enklave Ghouta, ergaben sich die oppositionellen Milizen und ließen sich umsiedeln.

  • Russland

Seit Jahrzehnten gilt Moskau als enger Verbündeter Syriens, seit September 2015 unterstützt Russland die syrische Armee aktiv mit Soldaten, Raketen und Luftangriffen. Der russische Präsident Wladimir Putin agiert hierbei nicht uneigennützig – er hat sich dadurch seinen einzigen Marinestützpunkt am Mittelmeer gesichert und hat Russlands Einfluss in der Region gestärkt. Während der US-Einfluss mehr und mehr gesunken ist.

  • Die Türkei

Seit Beginn des Bürgerkriegs unterstützt Ankara die Rebellen gegen Assad, im August 2016 griff sie zum ersten Mal aktiv in Syrien ein: Im Zuge der Operation „Euphrates Shield“ kämpften Erdogans Truppen gegen den IS und nahmen einen Teil Syriens unter Besitz. Das wiederholte sich im Jänner 2018, als Recep Tayyip Erdogan die Mission „Operation Olivenzweig“ startete und das kurdisch besetzte Afrin angriff.

Die Türkei will ihre Grenze sichern, will vor allem verhindern, dass die kurdische Arbeiterpartei PKK direkten Kontakt mit der kurdischen Miliz YPG – sie dominiert die „Syrisch Demokratischen Kräfte“ (SDF) – herstellen kann. Ferner gerät Erdogan in der Türkei unter Druck, da die 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge und die wirtschaftlich immer schlechtere Lage zunehmend zu einem Problem für die Bevölkerung werden. Sollte seine neue Offensive erfolgreich sein, will er Flüchtlinge in Nordsyrien ansiedeln.

  • Die Kurden

Sie trugen die Hauptlast im Kampf gegen den IS, verloren nach eigenen Angaben 11.000 Kämpfer, besetzen derzeit ganz Syrien östlich des Flusses Euphrat, wo zudem die meisten Erdölvorkommen Syriens liegen.

Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) wollen ihren eigenen Staat – genannt Rojava – aufbauen, doch genau das will die Türkei derzeit verhindern.

  • Die USA

Spätestens als Barack Obama nach dem Giftgasangriff von Ghouta seine vielzitierte „Rote Line“ überschritten sah und nicht mit einer Militärintervention reagierte, war klar, dass die USA in Syrien keine große, aktive Rolle spielen werden. Allerdings ließ sich das Pentagon die Ausbildung von Rebellen Einiges kosten – mit wenig Erfolg. Als der IS Syrien erreichte, sandte Washington Soldaten nach Ostsyrien, um dort die SDF zu unterstützen.

Im Zuge der internationalen Anti-IS-Koalition im Irak und Syrien waren die USA federführend, vor allem in Bezug auf Luftangriffe. Mit der Präsidentschaft Donald Trumps ist das US-Interesse am Engagement in Syrien auf einen Tiefpunkt gesunken. Es wird erwogen, alle Soldaten aus Nordsyrien abzuziehen.

  • Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS)

Zwar hat der IS in Syrien kein "Staatsgebiet" mehr, ist aber nach wie vor aktiv. In der vergangenen Woche hatten IS-Terroristen verschiedenste Anschläge in der Region verübt, die SDF haben nicht mehr ausreichend Wachpersonal für gefangene IS-Kämpfer zur Verfügung. Im Pentagon warnt man bereits vor einem Erstarken des IS.

  • Die Terrorgruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS)

Sie kontrolliert den größten Teil der Provinz Idlib, wo die Assad-Truppen im Frühjahr eine Offensive starteten. Die HTS – oder Al-Nusra-Front, wie sie sich früher nannte – ist eine Tochterorganisation der El Kaida und spaltete sich 2013 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ab.

In den vergangenen Jahren schluckte die HTS immer mehr Rebellengruppen, die sich bereits früher auf die Unterstützung der HTS verlassen hatten. Sie gelten als hartgesottene Krieger mit langer Kampferfahrung.

  • Die „Syrische Nationale Armee“ (SNA)

18.000 Krieger dieser von der Türkei gegründeten und geförderten Rebellengruppe setzt sich aus verschiedenen Milizen zusammen. Da gibt es Überbleibsel der „Freien Syrischen Armee“, die sich zu Beginn des Bürgerkriegs gebildet hatte und anfangs als gemäßigt galt, jedoch auch radikale Gruppierungen wie die „Ahrar al-Sham“.

Die SNA soll laut türkischen Vorstellungen in absehbarer Zeit den Norden Syriens beherrschen.

 

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