Annexion der Krim "bis Ende März"

Während der Zugang auf die Halbinsel vermint wird, schickt Russland Tausende Soldaten auf die Krim.

  Ein russisches Marineschiff im Schwarzen Meer - am Sonntag in einer Woche entscheidet die Krim über ihre Zukunft.

Wladimir Putin am vergangenen Montag: "Es gibt keine Pläne für eine Annexion der Krim." Keine fünf Tage später kommen aus Moskau ganz andere Töne. Die Präsidenten der zwei Parlamentskammern, beide engste Verbündete des russischen Präsidenten, versicherten am Wochenende: Eine Aufnahme der Krim in die russische Föderation sei höchst willkommen. Der Vorsitzende des prorussischen Regionalparlaments auf der Halbinsel, Wladimir Konstantinow, meinte gar: Der Übergangsprozess in eine neue Rechtsprechung ist kompliziert. Aber wir gehen davon aus, dass alles noch im März gelingt."

Zudem, so meldet der Spiegel, hat Russland entgegen den Beteuerungen Putins Tausende Soldaten auf die Krim gebracht. Sicherheitsexperten mehrerer NATO-Staaten könnten belegen, dass seit dem Beginn der Krise mindestens 2.000 russische Soldaten von ihren Stützpunkten auf die ukrainische Halbinsel geflogen worden seien, berichtet das Nachrichtenmagazin.  Schätzungen, die bei der NATO zirkulierten, gingen von noch höheren Zahlen aus. Russische Truppen haben außerdem am Sonntag einen weiteren Posten der Grenztruppen auf der Krim übernommen.

Putins Machtspiele auf den Trümmern der Sowjetunion: Den Überblick finden Sie hier.

Drohungen, Warnschüsse, Minen

Eine Annexion, so warnt der Westen immer eindringlicher, werde endgültig die schwerste Krise seit Ende des Kalten Krieges auslösen. Der nächste Schritt dahin wird das für kommenden Sonntag angesetzte Referendum auf der Krim sein. Dort steigen die Spannungen, russische Soldaten vertrieben am Samstag ukrainische Grenzschützer aus einem Außenposten im Osten der Halbinsel. Mehrere westliche und ukrainische Journalisten wurden verprügelt und bedroht. Die 54 unabhängigen Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), die sich Überblick über die Lage in der Krim verschaffen sollten, durften erst gar nicht einreisen. Seit drei Tagen werden sie immer wieder abgewiesen, am Samstag fielen erstmals gar Warnschüsse gegen ihren Konvoi. De facto hat Russland seit einer Woche die völlige Kontrolle über die Halbinsel. Pro-russische Soldaten haben den Zugang von der Ukraine zur Krim vermint. Alle ukrainische Fernsehkanäle sind abgeschaltet.

Ergebnis steht schon fest

Pro-Ukrainian supporters carry Ukrainian flags as Foto: Reuters/VASILY FEDOSENKO Die Spannungen auf der Krim steigen: Pro-ukrainische Demonstranten marschierten am Samstag in Simferopol ... "Das Ergebnis des Referendums steht doch schon fest", fürchtet ein junger Internet-Unternehmer in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Die pro-russische Führung werde das Resultat sowieso zu ihren Gunsten fälschen, meint er. Die neue Regierung in Kiew bezeichnet das Vorhaben als illegal und drehte der Krim den Geldhahn zu. Wegen einer Sperrung der Bankkonten könne das Autonome Gebiet laufende Geschäfte nicht mehr finanzieren, hieß es am Sonntag. Auch die EU und die USA sprechen dem Referendum jede Rechtmäßigkeit ab.

Pro-Russian supporters march with a Russian flag d Foto: Reuters/VASILY FEDOSENKO ... ebenso wie pro-russische Dabei sollen sich die rund 2,5 Millionen Bewohner der Krim entscheiden, ob sie einen Anschluss an Russland wünschen oder eine Unabhängigkeit. Es gibt jeweils ein Ja-Feld. ",Nein‘ ist gar keine Option", schreibt Katja Gortschinskaja, Chefredakteurin der Zeitung The Kyiv Post. Die Möglichkeit, den Status quo zu bewahren, ist nicht vorgesehen.

Milde Worte, scharfe Töne

US-Außenminister John Kerry hat Russland in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow zu äußerster Zurückhaltung in der Ukraine-Krise aufgefordert. Eine fortgesetzte militärische Eskalation und Provokation auf der Krim oder anderswo in der Ukraine und Schritte zu einer Annexion der Krim nähmen der Diplomatie jeden Raum, warnte Kerry am Samstag Abend.

Zuvor hieß es, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will nicht am für Anfang Juni geplanten Gipfeltreffen der acht führenden Industriestaaten (G-8) im russischen Sotschi teilnehmen, falls das für 16. März geplante Referendum über die Zukunft der ukrainischen Halbinsel Krim stattfinde.

Die EU glaubt noch an die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung: Parlamentspräsident Martin Schulz hat etwa eine Bestandsgarantie für den russischen Flottenstützpunkt auf der Krim vorgeschlagen. Die Verhandlungen müssten aber noch vor dem Referendum abgeschlossen sein.

Die Angst der Krim-Tataren

Den größten Widerstand gegen einen Anschluss der Krim an Russland hegen die rund 250.000 Krim-Tataren. Die Angst ist groß, dass sie inmitten der gefährlich steigenden Spannungen die ersten Opfer von Gewalt werden könnten. Viele ihrer Häuser wurden mit Kreuzen markiert – offenbar ein Zeichen dafür, dass ihre Bewohner fürchten sollen, dass sie vertrieben werden. Eilig organisierte Bürgerwehren patrouillieren nun nachts durch ihre Wohngebiete. Mehrere Hundert Tataren sollen die Krim bereits in Richtung Westukraine verlassen haben.

Bilder aus der zerrissenen Ukraine

Der Maidan in Kiew: Bis vor kurzem zentraler Platz des Protests, mittlerweile Gedenkstätte für die Opfer des Umsturzes in Kiew. Auf der Krim entlädt sich die Spannung in die andere Richtung - die Schwarzmeer-Insel will zu Russland: Eindrücke aus einem gespaltenen Staat. Auf der Krim wird demonstriert, im Osten des Staates werden Regierungsgebäude besetzt: Während in den vergangenen Wochen die proeuropäischen Kräfte die Schlagzeilen beherrschten, sind es jetzt jene, die einen Anschluss an Russland wollen. Ob in Charkow (Bild), Donezk oder der Krim - die Menschen gehen auf die Straße, um Russland um Unterstützung zu bitten. Teils enden diese Demonstrationen auch blutig - wie hier in Donezk. Pro-russische Kräfte hatten dort auch kurzfristig Regierungsgebäude besetzt. Die Bilder der Pro-Russland-Demos erinnern an jene der Pro-EU-Aufmärsche: Tausende Polizisten sichern die Aktivisten (hier eine Aufnahme auch Charkow). Am Kiewer Maidan herrscht indes zumeist Stille. Die Barrikaden stehen noch, daneben liegen tausende Blumen, um der Opfer der Ausschreitungen zu gedenken. Wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, ist nach wie vor nicht kar - beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig. Aber auch für jene, die die Ukraine näher am Westen sehen wollen, ist der Kampf nicht vorbei: Auf der Krim, wo der Hauptteil der Bevölkerung russisch spricht und vermutlich auch für einen Anschluss votieren wird, demonstriert man auch "Pro Ukraine - und gegen Putin". "Ich liebe die Ukraine", hat sich dieses Mädchen etwa auf ihr Schild malen lassen. Auch kirchliche Unterstützung kommt für die ukrainischen Einsatzkräfte - orthodoxe Priester hatten schon auf dem Maidan immer wieder zu Gebeten aufgerufen. Am Sewastopoler Hafen stehen sich die Einsatzkräfte der zwei Lager gegenüber: Hier ein ukrainischer Offizier, der von einem Belagerungszustand spricht. Viele Militärbasen sind von pro-russischen Kräften besetzt - bei dieser Station nahe Sewastopol haben noch die Ukrainer die Oberhand. Der Hafen Slawutich in Sewastopol bei Sonnenuntergang: Hier sollen die Russen bereits Militär vor Ort haben - die ukrainischen Streitkräfte sind in Alarmbereitschaft.

Kurz als Europarats-Vorsitzender in Kiew

AM KURZ IN DER UKRAINE Foto: APA/Dragan TATIC Sebastian Kurz in Kiew Außenminister Sebastian Kurz ist am Sonntag in seiner Funktion als amtierender Europarats-Vorsitzender nach Kiew (siehe Interview unten) gereist. Kurz wird bei seiner bis Montag dauernden Visite unter anderem mit der ukrainischen Staats- und Regierungsspitze sowie mit hochrangigen Kirchenvertretern zusammentreffen. Außerdem ist ein Besuch auf dem Maidan geplant, dem Unabhängigkeitsplatz, wo die Anti-Regierungs-Demonstrationen ihr Zentrum hatten.

Interview

Kurz: "Ukraine nicht zwingen, sich zu zerreißen"

Außenminister in Kiew auf Mission für Rechtsstaatlichkeit und Volksgruppenrechte.

ÖSTERREICHISCHER VORSITZ IM EUROPARAT: SEBASTIAN K
Foto: APA/Dragan TATIC

KURIER: Herr Außenminister, die Sanktionsdrohungen der EU gegenüber Russland werden vielfach als zu weich kritisiert. Glauben Sie wirklich, dass sich der russische Präsident davon beeindrucken lässt?

Sebastian Kurz: Die Entscheidungen der EU-Staats- und Regierungschefs waren richtig. Man muss sich die Frage stellen: Was will man? Wenn man einen Krieg will, muss man gegenüber Russland sofort Härte zeigen. Wenn man einen Krieg verhindern will, muss man so lange wie möglich auf Gespräche und eine Kontaktgruppe setzen. Und wir wollen keinen Krieg.

Was ist das unmittelbare Ziel der Sanktionsdrohung?

Wir wollen Russland an den Verhandlungstisch bringen. Russland verweigert sich einer Kontaktgruppe und Gesprächen, an denen die neue ukrainische Führung teilnimmt. Insgesamt lautet das Ziel, Russland muss von der Krim abziehen.

Sie haben im Hauptausschuss des Nationalrats gesagt, man dürfe Russland nicht provozieren, und Sie seien deswegen gegen die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der EU. Ist es nicht eher umgekehrt, dass Sie die Provokation durch Russland verurteilen müssten?

Das Verhalten Russlands ist vollkommen falsch, es widerspricht dem Völkerrecht, und man darf das nicht hinnehmen. Aber man muss alles vermeiden, was zu einer weiteren Eskalation führt. Ich verstehe das Sicherheitsbedürfnis der Ukraine, dass sie am liebsten bald NATO-Mitglied wäre, aber durch einen NATO-Beitritt würde die Situation verschärft, nicht entspannt. Die Annäherung der Ukraine an die EU ist grundsätzlich richtig, und es ist auch richtig, dass die EU die politischen Kapitel des Assoziierungsvertrags unterschreiben will. Anders verhält es sich mit dem wirtschaftlichen Teil des Abkommens. Es würde die Ukraine zerreißen, wenn man sie zwingt, sich zwischen der EU und Russland zu entscheiden. Die Ukraine muss sich sowohl näher an die EU anbinden, als auch eine Partnerschaft mit dem starken Nachbarland eingehen können.

Welches Gewicht hat Österreich in dieser Krise?

Wir sind wie alle EU-Länder mit dabei bei der Entscheidungsfindung in der EU, aber die Player gegenüber Russland sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Polen und die USA. Wir haben derzeit den Vorsitz im Europarat, und in dieser Funktion werde ich am Montag in Kiew der neuen Regierung das Angebot machen, dem Land auf dem Weg zu Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Menschenrechte zu helfen. Es darf keine Diskriminierung ethnischer Gruppen geben. Die russische Sprache zu diskriminieren, ist ein großer Fehler.

(APA, KURIER) Erstellt am
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