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Analyse
04/22/2020

Angela Merkel und Corona: Die Rückkehr der Krisenkanzlerin

Es war schon stillgeworden um sie, doch in der Coronakrise ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zurück.

von Sandra Lumetsberger

Seit Angela Merkel 2018 von der Parteispitze zurücktrat und ankündigte, bei der Bundestagswahl 2021 nicht mehr zu kandidieren, sind Partei wie Medien von der K-Frage gefesselt. Gelegentlich musste ein „Merkelianer“ daran erinnern, dass es eine Kanzlerin gibt: Aber Merkel war unsichtbar – beim Streit um den CDU-Vorsitz, im EU-Wahlkampf oder beim Wahlfiasko in Thüringen, wo sie sich erst spät äußerte. Ebenso am Anfang der Corona-Krise. Doch seit die Zahlen der Infizierten stiegen, ist sie wieder da.

Vier Krisen in 14 Jahren Kanzlerschaft

Fast einmal wöchentlich steht Merkel vor der blauen Wand im Kanzleramt. Oder gibt in wechselnder Begleitung von Experten oder Ministern Pressekonferenzen. Mit eindringlichen Worten appelliert sie an das Verantwortungsgefühl aller Bürgerinnen und Bürger. Und wirkt in ihrer vierten Krise – Börsencrash (2008), Fukushima (2011), Flucht (2015) – routiniert und inhaltlich versiert.

Merkel ist ihre Vergangenheit als Naturwissenschaftlerin anzumerken, schrieb die Zeit. Und macht es daran fest, wie sie bei Medienterminen über Ansteckungsraten spricht und vorrechnet.

Große Zustimmung

Das kommt auch im Ausland an. Die New York Times feiert Merkel für ihre nüchterne, zurückhaltende Art, die ihr intern schon mal zur Last gelegt wurde. In der Krise aber wirkt sie, was sich in den Umfragen abzeichnet. Laut Forschungsgruppe Wahlen kommt Merkel auf 80 Prozent Zustimmung. Dass sie ihre Kanzlerschaft ob der Popularitätswerte zu verlängern gedenkt, wie die Bild-Zeitung spekulierte, ist schwer vorstellbar.

Zudem weiß sie, wie flüchtig Werte sind und wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Zwar war Merkel beim Volk immer beliebt (ihre schlechtesten Werte von 50 Prozent hatte sie 2010), aber im Geschreie der „Merkel-hau-ab“-Rufe im Wahlkampf 2017 ging das unter. Rechtspopulisten hatten sich ihre Flüchtlingspolitik von 2015 zum Thema gemacht.

Merkel und der kleinste gemeinsame Nenner

Was die Kanzlerin aus dieser Zeit mit heute verbindet: Sie ist keine, die den Kurs vorgibt, eher eine die zuhört und versucht, gegensätzliche Positionen zusammenzubringen und den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. So praktizierte sie es in ihren Regierungen, so versuchte sie 2015 und in den Folgejahren eine europäische Lösung in der Flüchtlingsfrage zu finden, was aber nicht gelang. Und so wird sie es vermutlich auch demnächst tun, wenn innerhalb der EU-Staaten  um die Finanzhilfen gerungen wird.

Im kleineren Kreis hat sie ähnliche Runden alle zwei Wochen mit den Ministerpräsidenten, wo jeder gerne nach seiner Façon handeln würde. Zuletzt platzte ihr danach mal merkeluntypisch der Kragen. In einer CDU-Telefonkonferenz beschwerte sie sich über „Öffentlichkeitsdiskussionsorgien“. Gemeint war die rheinland-pfälzische Regierung, die die Ladenöffnungen etwas freizügiger auslegte.

Ihre Wortkreation sorgte jedenfalls bei Teilen der Opposition für Proteste. Doch statt wie so oft manchen Sturm vorüberziehen zu lassen, verteidigte sich Merkel für ihre Verhältnisse offensiv vor der Presse. Sie habe nichts gegen Debatten über die Lockerung, sie können jeden verstehen, der sich nach Freiheit sehne – aber man dürfe sich nicht in Sicherheit wiegen. Keiner wisse, wie sich die gelockerten Maßnahmen in den nächsten 14 Tage auswirken, mahnte Merkel.

 

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