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Politik Ausland
03/26/2020

Andrew Cuomo: Der Therapeut der gebeutelten New Yorker

Der Gouverneur des US-Bundesstaates New York führt mit Ruhe, Klarheit, Empathie und einem Schuss Humor durch die Coronakrise.

Täglich tritt er vor die Presse - und damit vor seine derzeit schwer geprüften New Yorker. Dort punktet der Gouverneur des gleichnamigen US-Bundesstaates mit unerschütterlicher Ruhe, Kompetenz, Menschlichkeit, aber auch schonungsloser Offenheit.

Andrew Cuomo ist so zum Fels in der Brandung geworden, zum entschlossenen Corona-Krisenmanager, den sich so viele Amerikaner wünschen - vor allem angesichts des erratischen Kurses von Präsident Donald Trump.

Der 62-Jährige kämpft an vorderster Front gegen das Virus. Denn New York samt der Millionenmetropole am Hudson River ist zum Epizentrum der Pandemie in den USA geworden. Nirgendwo im Land gibt es mehr Infizierte und Tote: Von den knapp 70.000 Infizierten in den USA befinden sich 30.000 in dem Bundesstaat, dort starben 300 Menschen, im ganzen Land 1000 - und das Schlimmste steht New York noch bevor.

Cuomo, dessen Vater Mario von 1983 bis 1994 ebenfalls New Yorker Gouverneur war, griff in der Krise rasch zu drastischen Maßnahmen. Er mobilisierte die Nationalgarde in der New Yorker Vorstadt New Rochelle, ordnete die Schließung von Geschäften an und erließ weitgehende Ausgangsbeschränkungen. Zugleich kämpft er für mehr Krankenhausbetten und medizinisches Material und lässt mehr testen als jeder andere US-Bundesstaat.

Seine täglichen Pressekonferenzen sind längst so etwas wie Therapiestunden für die besorgte Bevölkerung geworden. Nach Ansicht vieler spricht Cuomo dabei Klartext, ohne Panik zu verbreiten, strahlt Autorität aus, zeigt aber zugleich Einfühlungsvermögen und Humor.

Interview mit Bruder

Eine Anordnung zum Schutz älterer Menschen benannte der Spross einer italienischen Einwandererfamilie nach seiner Mutter Matilda. Immer wieder spricht Cuomo von seinen Töchtern, wenn er deutlich machen will, wie schwierig die erforderliche soziale Distanz ist - und wie es gerade jetzt auf menschliche Bindungen ankommt.

Mehrfach wurde der Gouverneur von seinem Bruder, dem bekannten Fernsehmoderator Chris Cuomo, interviewt. Und neben ernsten Fragen und Antworten zum Coronavirus blieb auch Zeit für humorvolle, brüderliche Seitenhiebe.

"Übernehme Verantwortung"

Der Kontrast zu Präsident Trump, dem viele ein miserables Krisenmanagement und fehlende Menschlichkeit vorwerfen, ist offenkundig. Während der Präsident Mitte März polterte, er übernehme für Versäumnisse bei Coronavirus-Tests „überhaupt keine Verantwortung“, setzt der Gouverneur auf die gegenteilige Botschaft. „Wenn jemand unzufrieden ist, jemandem die Schuld geben will oder sich über jemanden beschweren will - dann soll er mir die Schuld geben“, sagte Cuomo über die strikten Maßnahmen. „Ich übernehme die volle Verantwortung.“

Spannungen mit Trump

In der Coronavirus-Krise hat es zwischen Cuomo und Trump immer wieder Spannungen gegeben. So hat der Gouverneur Washington zu engagierterer Hilfe aufgerufen und mit Nachdruck mehr Beatmungsgeräte gefordert; der Präsident wiederum warf Cuomo angebliche Versäumnisse vor. Im Großen und Ganzen hält derzeit aber ein Waffenstillstand zwischen den Politikern, die beide aus dem New Yorker Stadtteil Queens stammen.

Dabei scheut Cuomo keine Auseinandersetzung. Der Gouverneur mit dem muskulösen Oberkörper hat den Ruf eines „harten Kerls“, der aggressiv und unnachgiebig sein kann, wenn er seine Interessen durchsetzen will. Beim linken Demokratenflügel hat der Pragmatiker viele Feinde, mit dem ebenfalls demokratischen New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio herrscht seit Langem Rivalität.

#CuomoForPresident

Doch in der Coronavirus-Pandemie sind auch viele Kritiker zu wahren Fans des Gouverneurs geworden, der schon 2012 beim Hurrikan „Sandy“ für sein Krisenmanagement gelobt worden war. Beobachter wie der Politikprofessor Robert Shapiro loben seine „präsidentielle Statur“, der Hashtag #CuomoForPresident macht schon längst bei Twitter die Runde.

Die Kennedy-Connection

Der einst mit einem Mitglied der Kennedy-Politikerdynastie verheirate Cuomo hat in der Vergangenheit wiederholt mit einer Präsidentschaftskandidatur geliebäugelt. Während er heuer nicht antreten wird, reden viele schon von der nächsten Wahl 2024.

Cuomo aber kommentiert seine derzeitige Popularität nüchtern: „Ich mache nichts anders, als ich es früher gemacht habe. Es ist nur ein größeres Publikum. Und die Zeiten sind intensiver.“