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Interview
08/12/2021

Afghanistan-Reporter klagt an: "Westen hat ein korruptes Regime finanziert"

Emran Feroz zieht in seinem neuen Buch Bilanz über den Krieg und macht im KURIER-Gespräch deutlich, was schiefging.

von Konrad Kramar

Es geht Schlag auf Schlag. Im Tagesrhythmus erobern die radikalislamischen Taliban in Afghanistan eine Provinz nach der anderen zurück. Der Fall der Hauptstadt Kabul ist laut internationalen Experten nur eine Frage von Wochen. Wie aber konnte es so weit kommen, und was steht dem von Jahrzehnten des Krieges geplagten Land bevor? Reporter Emran Feroz im KURIER-Interview über Entwicklungen und ihre Hintergründe.

KURIER: Wo liegen die Ursachen für den Erfolg der Taliban?

Emran Feroz: Die grundlegenden Systemfehler wurden vom Westen von Anfang an begangen, also gleich nach der Invasion 2001. Man hat mit der Regierung Karzai ein korruptes Regime an die Macht gebracht, das sich um die Werte des Westens in Wahrheit nie gekümmert hat. Die Repräsentanten dieses Regimes waren nur daran interessiert, sich selbst zu bereichern.

Hatte das auch Konsequenzen für die Sicherheit im Land?

Die Sicherheitsstruktur, also Militär und Polizei, war nie gut aufgebaut und wurden von Anfang an ausgehöhlt. Die Profiteure des Regimes haben Gelder aus dem Westen abgezweigt und nach Dubai geschafft. Die Vereinigten Arabischen Emirate wurden zur Drehscheibe für Afghanistans korrupte Eliten. So gab es in der afghanischen Armee immer „Geistersoldaten“, also Soldaten, die nur auf dem Papier existierten und deren Gehalt irgendjemand kassierte.

Wie aber konnten die Taliban so schnell wieder so stark werden?

Die Taliban sind nicht die Ursache der Krankheit dieses Landes, sondern nur ein Symptom. Als sie 1996 an die Macht kamen, hatte das Land schon 15 Jahre Bürgerkrieg hinter sich.

Warum aber fällt es ihnen so leicht, die Kontrolle über Regionen zu übernehmen?

Man muss nur 40 Minuten mit dem Auto aus Kabul rausfahren, dann ist man schon in Gegenden, in denen die Taliban das Sagen haben. Was man dort von den Menschen hört, ist eigentlich immer sehr ähnlich. Sie sind meistens keine Anhänger der Taliban, sind aber von der Regierung im Stich gelassen worden. Die hat in allem versagt, was für diese Menschen wichtig ist: Ob es um rechtliche Fragen beim Grundeigentum ging, um die Probleme in der Landwirtschaft, oder finanzielle Hilfen. Die Eliten in Kabul haben deren Sorgen nicht gehört. Die örtlichen Bewohner erzählen von einem Alltag mit den vom Westen gestützten Behörden, in dem jeder Beamte so korrupt ist, dass sie ihn schmieren müssen. Der lokale Taliban-Richter dagegen würde vieles in zehn Minuten lösen. Die Taliban aber sind ebenso nicht fähig, grundlegende, funktionierende Strukturen aufzubauen.

Wie ändert sich das Leben unter den Taliban?

Viele der Schreckensnachrichten über das Mittelalter, das die Taliban bringen, sind plakativ und stellen die Situation in vielen Regionen verkürzt dar. Das ländliche Afghanistan ist extrem konservativ. Sogar in Städten wie Jalalabad sieht man kaum Frauen auf der Straße.

Was hat der Westen also falsch verstanden?

Man hat sich nach der Machtübernahme mit Warlords eingelassen, die teils brutale Mörder waren, gab sich damit zufrieden, dass diese Mörder zumindest auf der Seite des Westens standen. Als die begannen, sich zu bereichern, die Korruption überhandnahm, gab man sich zufrieden. Nach dem Motto: So sind die eben hier. Viele Probleme hat man auch auf die Konflikte zwischen den Volksgruppen geschoben, die wurden so völlig überbewertet.

Sollte man derzeit nach Afghanistan abschieben?

Auf keinen Fall, in dem Land herrscht Krieg – überall. Es stimmt nicht mehr, dass es ohnehin sichere Städte gibt.

Buchtipp: Emran Feroz, „Der längste Krieg“, Westend, Euro 18,50

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