Auch Stammesmilizen werden in den Konflikt gezogen

© APA/AFP/EDUARDO SOTERAS

Äthiopien
11/17/2020

Äthiopischer Friedensnobelpreisträger Abiy auf dem Kriegspfad

Der bewaffnete Konflikt im Norden spitzt sich zu und droht, „außer Kontrolle“ zu geraten.

von Walter Friedl

„Frieden ist eine Herzensangelegenheit“, sagte Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed, als er im Vorjahr den Friedensnobelpreis entgegen nahm. Er hatte politische Gefangene freigelassen, die Pressefreiheit gefördert und vor allem Versöhnung mit dem Erzfeind Eritrea herbeigeführt. Vom Muster-Demokraten-Image ist aber nicht viel geblieben. Heute befindet sich der Friedensnobelpreisträger im Kriegsmodus – mit schwerem Militärgerät zu Boden und in der Luft in der Provinz Tigray.

Zwischen Regierungstruppen und Einheiten der regionalen Machthaber kommt es seit Tagen zu heftigen Kämpfen. Über das wahre Ausmaß ist kaum etwas bekannt, weil Abiy Internet- und Telefonverbindungen in diesen Teil Äthiopiens kappen ließ. Es soll aber schon mehrere Hundert Tote geben, Tausende Zivilisten sollen sich auf der Flucht befinden – vor allem in den benachbarten Sudan. Hilfsorganisationen ist der Zugang verwehrt.

„Gedemütigt“

Ausgangspunkt des Konflikts: Ethnische Rivalitäten und Machtansprüche. Das Volk der Tigray macht zwar nur sechs Prozent der mehr als 110 Millionen Äthiopier aus, saß aber Jahrzehnte lang an den Schalthebeln der Macht. Es war maßgeblich am Sturz der kommunistischen Diktatur unter Mengistu Haile Mariam beteiligt (1991) und stellte danach mit Ministerpräsident Meles Zenawi bis zu dessen Tod (2012) den autoritären Herrscher.

Als Abiy 2018 an die Macht kam (Sohn einer Oromo-Mutter und eines Amhara-Vaters), war es damit vorbei, er entließ die Tigray-Elite aus allen Schlüsselpositionen. Das traf das stolze Volk schwer und vor allem die Kader der Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF), die sich „gedemütigt“ fühlten, wie Afrika-Expertin Annette Weber von der Berliner „Stiftung Wissenschaft und Politik“ im KURIER-Gespräch sagt.

Die jetzige militärische Eskalation sieht sie mit großer Besorgnis. „Denn die TPLF hat mit 250.000 Mann und Frau mehr und vor allem kampferprobtere Truppen als die Regierung, die über 200.000 Soldaten verfügt.“ Und obwohl Abiy mit Kampfjets und Drohnen die alleinige Lufthoheit hat, ist Annette Weber davon überzeugt, dass „der Krieg von keiner der beiden Seiten zu gewinnen ist“. Wenn es ganz eng werden sollte für die Tigrayer, würden sie sich wie schon in den 1980er-Jahren in die Berge zurückziehen und auf eine Guerilla-Taktik setzen.

Raketen auf Flughafen in Eritrea

Derzeit sind die Milizen freilich noch sehr selbstbewusst und haben sogar den Flughafen der eritreischen Hauptstadt Asmara mit Raketen attackiert. Begründung: Dieser werde von der äthiopischen Luftwaffe genutzt. „Spätestens jetzt hat die an sich interne Frontstellung eine regionale Dimension erlangt. Denn Eritrea wird sich das nicht gefallen lassen“, analysiert Weber. Auch in den Sudan könnte der Konflikt überschwappen – hier gebe es ethnische Rivalitäten und strittige Landfragen. Das Ganze drohe, „außer Kontrolle“ zu geraten, warnte bereits die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet.

Pogrome

Für die territoriale Integrität Äthiopiens mit seinen rund 80 Völkern bestehe ebenfalls eine Gefahr, meint die deutsche Afrika-Kennerin: „Ein Zerfall (entlang ethnischer Linien) ist nicht auszuschließen.“ Im ganzen Land „brodelt“ es, mehr noch „in den vergangenen Monaten kam es zu einigen Pogromen, vor allem zwischen Omoros und Amharen“.

Speziell Erstere sind tief enttäuscht. Sie – lange unterdrückt in der Zeit der Tigray-Dominanz – haben Abiy an die Macht gebracht, doch ihre Erwartungen wurden in keiner Weise erfüllt. „Es kam zu Massenprotesten, insbesondere nach der Ermordung des bekannten Sängers Hachalu Hundessa“, beschreibt Annette Weber die explosive Lage.

"Gefährliche Gemengelage"

Der Friedensnobelpreisträger und Ministerpräsident versuche jetzt, „den Krieg als nationales Projekt darzustellen, um so alle Äthiopier hinter sich zu vereinen. Was ich aber aus dem Land höre, wird es sehr schwierig, dass ihm das gelingt“, zeigt sich die Wissenschaftlerin äußerst skeptisch, „wir haben es mit einer sehr gefährlichen Gemengelage zu tun.“

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