Politik | Ausland
18.04.2018

70 Jahre Israel: Träumt noch wer den Gründertraum?

Mitten in der Wüste lebte Staatsgründer Ben Gurion die Vision von Gleichheit und Solidarität. Ein Besuch in Sde Boker.

Das blonde Mädchen kann gerade laufen. Und schon läuft es weg. Die Pfade im Kibbuz Sde Boker laden unter schattigen Bäumen dazu ein. Zwischen bunten Blumen finden Kinder überall ihren autofreien Spielplatz. Im Arm hält die Kleine ein Bambi-Stofftier. Auch die Mutter wird nicht wissen, dass der Wiener Felix Salten die Geschichte Bambis vor fast 100 Jahren verfasste. Und dass Salten damals auch über den Kibbuz schrieb.

Diese faszinierenden Kollektivdörfer in Palästina. Zum Aufbau des jüdischen Staates sind sie unabdingbar, wusste Salten 24 Jahre vor Gründung des Staates, der seit 70 Jahren Israel heißt – und heute groß gefeiert wird. Er sah auch voraus, dass ihre Vision von Gleichheit und Solidarität nach der Staatsgründung an Bedeutung verlieren würde.

Ben Gurions Alterssitz

In Sde Boker wohnen kaum 500 Menschen. Nur zwei Prozent der Israelis, etwa 120.000, leben in 270 weiteren Kibbuzim in Israel. Doch Sde Boker ist ein Symbol. Hier, mitten in der Negev-Wüste, verbrachte Staatsgründer David Ben Gurion seinen Lebensabend. Seine Hütte mit ihren Bücherwänden ist eine Wallfahrtsstätte. Im Kibbuz war Israels erster Regierungschef einfach Genosse. „Ohne Sonderrechte, wenn auch nicht wie jeder andere.“ Wobei Sde Boker bis heute die Werte solidarischer Gleichheit strenger beachtet als andere. Seit den 1980er-Jahren, nachdem die Sozialdemokraten ihre politische Vormacht einbüßten und Israels Wirtschaft von einer Hyperinflation gebeutelt wurde, sind die Kibbuzim zu neuen Wegen gezwungen.

„Wir wurden erst 1952 gegründet und ersparten uns so den Urzustand der Kibbuz-Bewegung, vor allem abgesonderte Schlafsäle für die Kinder“, erzählt Aviva Popper, die das Archiv von Sde Boker verwaltet. Sie betrauert den Verfall der sozialistischen Werte – auch in Sde Boker, wo aber der Grundsatz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ nicht ganz seine Bedeutung verloren hat. Im Kibbuz selbst braucht niemand Bargeld. Im Laden schreibt man mit der Mitgliedsnummer an. Jede Familie hat ihren eigenen Rahmen, doch ohne Bargeld. Der Speisesaal hat mittags und an den meisten Abenden geöffnet, wie die Wäscherei. Besucher aus anderen Kibbuzim schauen sich neugierig um. „Bei uns sorgt schon lange jede Familie für ihr eigenes Auskommen“, erzählt Mario aus dem Kibbuz Bror Chail, „wir waren eines Tages einfach pleite. Da gab es keine Wahl.“ „Nur die ganz reichen Kibbuzim, also die kapitalistischsten, können sich noch Sozialismus leisten“, lächelt Ilan, ein Schreiner, der mit seinen 42 Jahren und drei Kindern dafür sorgt, dass Sde Boker nicht wie andere überaltert. „Unsere Klebstoff-Fabrik wirft aber nicht so viel ab. Wir sind eben nicht reich.“

Hohe Lebenskosten

Im Kibbuz geboren, lebte er lange „draußen“. Irgendwann kam er zurück, wie nicht wenige Familien in den letzten 15 Jahren. Nicht als „Mitglieder“, sondern als „Bewohner“. In dieser Zeit wurde das Leben in Israel immer teurer, vor allem die Mieten. Die sind durch eine hohe Gemeindesteuer auch in Sde Boker nicht billig. „Aber wir erhalten etwas dafür zurück“, erklärt Ilan. Vor allem Erziehung. „Früher hieß es, der Kibbuz ist die Zukunft“, meint Margie, die vor 20 Jahren aus Russland einwanderte, „und für uns Juden aus Russland war Sozialismus ein Schimpfwort. Unsere Zukunft sind unsere Kinder, die haben im Kibbuz immer noch die denkbar besten Schulen.“

Kreative Kinder

Zvi lächelt unter seinem silberweißen Vollbart traurig: „Um unsere Erziehung beneidet uns alle Welt wie vor 70 Jahren. Aber gerade die Kreativität unserer Kinder, ihre Anpassungsfähigkeit mit ihrer starken Individualität, öffnet ihnen überall Türen. Fast alle ziehen weg.“ Ein Sohn Zvis lebt in Thailand, „der kommt vielleicht einmal zurück“, ein anderer in Australien.

Baruch gehört zum Urgestein von Sde Boker. Er ist um die 90. Im Kibbuz ist die Lebenserwartung weltweit die höchste, abgesehen von Zen-Klöstern in Japan. Baruch leitet – „hier kriegt mich keiner raus“ – die Fahrrad-Werkstatt. Seine Kinder leben ebenfalls „draußen“. Auch er trauert den alten Zeit nach, aber: „Ich trauere nicht um die Zukunft. Denn die gehört uns doch. Gerade weil unser Herr Premier so knochentief korrupt ist, kommt irgendwann die Wende. Wir zahlen dann wohl auch schon mit Geld – aber die kreativen Ideen kommen zurück. Mit unseren eigenen Kindern. Auch mit unseren Hi-Tech-Enkeln aus Tel Aviv.“ Im Pleite-Kibbuz Bror Chail wurde der Speisesaal schon zum Start-up-Brüter. „Uns hat die Realität gezwungen, alte Werte dynamischer neu zu kreieren“, sagt Mario. Er zahlte seine neue Wohnung im Kibbuz mit selbst verdientem Geld.

Was aber macht das Kibbuz-Leben noch besonders, auch in 20 Jahren für das Mädchen mit dem Bambi? Es bleibt mehr ein Gefühl als Ideologie. Mehr Familie als Kollektiv. Aber was? Ilans Scherz dazu: „Das Schlechte am Kibbuz ist, dass du nie allein bist. Das Gute, dass du nie allein bleibst.“

Video: Israels Botschafterin Lador-Fresher im Gespräch