Indische Truppen auf dem Weg nach Ladakh

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Analyse
06/17/2020

20 Tote im Himalaya: Riskantes Kräftemessen zweier Atommächte

China und Indien heizen einen jahrzehntealten Grenzstreit an. Eine Eskalation hätte schwere Folgen.

von Irene Thierjung

Der Grenzstreit zwischen den Atommächten Indien und Pakistan um die Himalaya-Region Kaschmir sorgt seit Jahrzehnten immer wieder für Schlagzeilen. Weniger bekannt ist, dass Indien einen derartigen Konflikt auch mit einer anderen Atommacht hat, mit China - und dieser spitzt sich gerade zu.

In der Region Ladakh, ebenfalls im Himalaya gelegen, streiten die zwei bevölkerungsreichsten Staaten der Welt seit Jahrzehnten um den Verlauf der gut 3.400 Kilometer langen gemeinsamen Grenze.

Dieser ist schlecht markiert, als Orientierungspunkte dienen Flussbetten oder Seeufer, deren Position sich angesichts der Wetterverhältnisse im Hochgebirge ständig ändert.

Einen Krieg um die Grenze verlor Indien 1962, danach kam es in Ladakh immer wieder zu Scharmützeln zwischen den Tausenden Soldaten, die sich beiderseits der Grenze gegenüberstehen.

Seit 1975 gab es jedoch keine Toten mehr. Bis Montag – da starben an einem Tag mindestens 20 indische Soldaten, auch unter den chinesischen Kräften soll es Tote und Dutzende Verletzte gegeben haben.

Steine und Stöcke

Schusswaffen waren Berichten zufolge keine im Einsatz, die Rede ist von Kämpfen mit Steinen und Schlagstöcken. Die vielen Toten sind laut indischer Armee auch auf die harten Bedingungen im Hochgebirge zurückzuführen: Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und geringe Sauerstoffkonzentration in großer Höhe.

Die Situation hatte sich vor dem tödlichen Aufeinandertreffen seit Wochen zugespitzt. Bereits im Mai gab es gegenseitige Angriffe, bei denen mit Fäusten gekämpft wurde und Steine über die Grenze flogen.

Gründe dafür gibt es mehrere: Der augenscheinlichste ist der Bau einer neuen indischen Straße, die schnellere Truppenbewegungen ermöglichen soll. Im Vorjahr hatte die Regierung in Neu Delhi den vor allem von Buddhisten bewohnten indischen Teil Ladakhs vom mehrheitlich muslimischen Jammu und Kaschmir abgetrennt und zu einem eigenen Bundesgebiet erklärt.

Annäherung an USA

Das sollte die Kontrolle über die Region stärken , was China scharf kritisierte – auch wenn es in Ladakh selbst die Zügel anzog. Für Sorgenfalten sorgt in Peking auch, dass Indien in den letzten Jahren beständig näher an die USA rückte, deren Präsident Donald Trump China zu einem seiner Erzfeinde erkoren hat.

Peking, das seine Bautätigkeit in Ladakh zuletzt ebenfalls erhöht hat, warf Indien in den vergangenen Monaten wiederholt provozierende Streifgänge an der Grenze vor. Die Inder konterten mit dem Vorwurf, China wolle einseitig den Status Quo ändern.

Der indische Premier Narendra Modi und Chinas Staatschef Xi Jinping, die beide in ihren Ländern den Nationalismus schuüren, haben die jüngsten Vorfälle an der Grenze bisher nicht kommentiert. Modi wurde dafür von der Opposition scharf kritisiert. Die Außenminister beider Länder verkündeten am Mittwoch, man arbeite an einer diplomatischen Lösung.

Ein neuerlicher Krieg zwischen Indien und China könnte die Himalaya-Region destabiliseren, inklusive Kaschmir. Derzeit sieht es allerdings nicht danach aus – Indien wäre der militärischen Supermacht China auch heillos unterlegen.