Ernesto Cardenal hatte keine Furcht, anzuecken

Ernesto Cardenal hatte keine Furcht, anzuecken
Der Schriftsteller, Befreiungstheologe und Revolutionär starb mit 95 Jahren in Managua.

Zuletzt war der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal ein erbitterter Gegner seiner einstigen sandinistischen Genossen in Nicaragua. Dafür hatte er mit der katholischen Kirche Frieden geschlossen, speziell mit Papst Franziskus, der seine Suspendierung als Priester im Februar 2019 aufgehoben hatte.

Nach dem Tod des 95-jährigen Cardenal rief Nicaraguas Präsident Daniel Ortega eine dreitägige Staatstrauer aus. Dabei war Ortega zuletzt der Lieblingsfeind des Fürsprechers der Armen. Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes bezog Ernesto Cardenal während der monatelangen Proteste gegen die Regierung mit mittlerweile Hunderten Toten klar Position: „Es ist eine Diktatur von Daniel Ortega, seiner Frau und seinen Kindern, die sich schamlos bereichern.“

Schriftsteller, Priester, Politiker – für Cardenal war das nie ein Widerspruch. „Ich versuche, nach der Botschaft des Evangeliums zu leben“, sagte er einmal. „Es ist eine politische Botschaft: Die Welt verändern und verbessern nach 100.000 Jahren der Ungleichheit.“

Der Sohn aus einer wohlhabenden Familie in Granada studierte Philosophie und Literatur in Mexiko-Stadt und New York, später Theologie in Mexiko und Kolumbien. Zwei Jahre verbrachte er in einem Trappistenkloster in den USA, bevor er 1965 zum Priester geweiht wurde.

Irdischer Kommunist

Auf der Insel Mancarrón im Solentiname-Archipel im Nicaraguasee gründete Cardenal eine Bauernkommune nach urchristlichem Vorbild. Er verstand die Gemeinschaft als Versuch, das Reich Gottes im irdischen Kommunismus zu verwirklichen. Dort entstand auch sein bekanntestes Werk, „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“.

Als scharfer Kritiker der Diktatur von Anastasio Somoza musste Cardenal ins Exil nach Costa Rica fliehen und schloss sich dort der Guerillaorganisation FSLN an. Nach dem Sieg der Sandinisten 1979 kehrte er in seine Heimat zurück und startete als Kulturminister der neuen Regierung eine große Bildungskampagne unter den verarmten Bauern. Das Amt übte er bis 1987 aus. Da war er als Priester wegen seiner politischen Tätigkeit bereits suspendiert.

Beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1983 war es zum Eklat gekommen. Sandinistische Parteigänger hatten den Papst ausgebuht.

Mit seinem Freund, dem österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr (1925 – 2014), gründete er die Kulturstiftung „Casa de los tres mundos“ in seiner Heimatstadt Granada.

Er veröffentlichte den Gedichtzyklus „Gesänge des Universums“. Auf Lesereisen kam er häufig nach Europa, oft mit der Band Grupo Sal. Seine Markenzeichen: schwarze Baskenmütze, weißes Bauernhemd, Ledersandalen.

Sein Freund Sergio Ramírez schrieb: „Ich habe meinen großen Bruder, engen Freund und langjährigen Nachbarn verloren. Er war ein moralischer Anführer und ein literarisches Vorbild.“

Kommentare