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06/13/2020

Antirassismus-Proteste in den USA: Das Erbe Martin Luther Kings

Der schwarze Bürgerrechtskämpfer träumte von einer gerechteren Welt für Afroamerikaner. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd muss man sagen: Es gibt sie nicht.

von Georg Markus

Martin Luther King steht auf dem Balkon seines Zimmers im Lorraine Motel in Memphis, Tennessee. Wir schreiben den 4. April 1968, es ist 18:01 Uhr, als sich der Bürgerrechtskämpfer über das Balkongeländer im ersten Stock beugt, um mit seinen im Erdgeschoss stehenden Mitarbeitern einige Worte zu wechseln.

Da fällt ein Schuss, der vom gegenüberliegenden Gebäude abgefeuert wurde. Das Geschoss durchschlägt das Gesicht und den Hals des 39-jährigen Predigers. King wird ins nächste Krankenhaus gebracht, auf dessen Operationstisch er um 18:18 Uhr stirbt.

Die ersten Erfolge

Martin Luther King war schon als junger Pastor eine Berühmtheit. Sein Aufstieg hatte sich nach dem 1. Dezember 1955 abgezeichnet, an dem sich die schwarze Näherin Rosa Parks in Montgomery/Alabama geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen. Als sie deshalb verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, rief Martin Luther King zu friedlichen Protestmärschen auf, im Zuge derer er selbst gut 30 Mal festgenommen wurde und etliche Nächte in Gefängnissen zubrachte. Doch sein Widerstand war von Erfolg gekrönt: Martin Luther King bewirkte die Abschaffung der Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln, Behörden und Restaurants.

Ein Jahr nach dem Fall Rosa Parks wurde der Baptistenprediger vom Time Magazine zum „Mann des Jahres“ gewählt. Am 28. August 1963 organisierte er eine Demonstration, an der sich 250.000 Menschen am „Marsch auf Washington“ beteiligten, wo der charismatische Bürgerrechtler seine historische Rede „I have a dream“ hielt: „Ich habe den Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden …“

Hoffnung der Schwarzen

Martin Luther King wurde mit seinem Traum von einem besseren Amerika zum Idol des gewaltlosen Widerstands, des zivilen Ungehorsams und der Versöhnung. Er wurde zum Kämpfer für Rassengleichheit, gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeiten und schließlich zum Hoffnungsträger für Millionen Schwarze.

Anfang April 1968 kam Martin Luther King – vier Jahre, nachdem ihm der Friedensnobelpreis verliehen worden war – nach Memphis, um einen Generalstreik der unterbezahlten mehrheitlich schwarzen Arbeiter der Müllabfuhr zu unterstützen. Der friedliche Protestmarsch sollte am 8. April 1968 stattfinden – doch Martin Luther King hat diesen Tag nicht erlebt.

Welle von Gewalt

Der Tod des populären Predigers zog eine Welle der Gewalt nach sich. So sehr er selbst als Symbol des friedlichen Widerstands Geschichte schrieb, brachen nach seiner Ermordung in 125 amerikanischen Städten Rassenunruhen aus, bei denen 46 Menschen starben und 2600 verletzt wurden.

Zwei Monate nach Martin Luther Kings Tod wird der wegen eines Supermarktüberfalls vorbestrafte 40-jährige Rassist James Earl Ray auf dem Londoner Flughafen Heathrow verhaftet. Er hatte sich am 3. April 1968 in Memphis in einer heruntergekommenen Pension eingemietet und minutiös auf das Attentat vorbereitet. Vom Badezimmer seines Zimmers aus hatte er einen direkten Blick auf den Balkon des gegenüberliegenden Lorraine Motels, auf dem Martin Luther King stand, als James Earl Ray auf ihn zielte.

Die Flucht des Täters

Während Martin Luther King schwer verwundet zusammenbricht, läuft der Täter die Treppe seiner Pension hinunter und wird dabei von einem Zimmernachbarn beobachtet, der später zum Zeugen der Anklage werden sollte. Der Mörder springt nach der Tat in seinen weißen Ford Mustang, mit dem er auf dem Highway nach Atlanta rast und dann per Bus nach Toronto gelangt, wo er ein Flugzeug nach London besteigt. Dort wird der durch Interpol Gesuchte von Scotland Yard festgenommen und an die Behörden der Vereinigten Staaten ausgeliefert.

Ray gesteht im Prozess die Ermordung Martin Luther Kings und gibt als Motiv „Rassenhass“ und den Wunsch, „in die Geschichte einzugehen“, an. Drei Tage später widerruft er sein Geständnis, wird aber dennoch zu 99 Jahren Haft verurteilt. James Earl Ray stirbt 1998 im Alter von 70 Jahren im Gefängnis.

Untersuchungen

Wie nach der Ermordung der Brüder John F. und Robert Kennedy kamen auch nach Martin Luther Kings Tod Verschwörungstheorien auf, die eine Alleintäterschaft Rays bezweifelten. Mehrmalige Untersuchungen des Justizministeriums und anderer US-Behörden gelangten jedoch zu dem Schluss, dass Ray geschossen habe und keine Helfer hatte. Allerdings wurden nicht alle Ungereimtheiten des Falles restlos aufgeklärt. Selbst Martin Luther Kings Witwe Coretta glaubte bis zu ihrem Tod im Jänner 2006 nicht daran, dass James Earl Ray der Täter war.

Ist Martin Luther Kings Ausruf „I have a dream“ mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem gewaltsamen Tod wahr geworden? Leben seine Kinder in einer Nation, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt?

Benachteiligungen

Die Ermordung George Floyds durch weiße Polizisten lässt nicht gerade darauf schließen. Es hat zwar mittlerweile mit Barack Obama den ersten afroamerikanischen Präsidenten gegeben, und doch haben Schwarze weniger Chancen, eine gute Ausbildung zu erhalten, sie verdienen weniger als Weiße, kommen viel eher ins Gefängnis.

Martin Luther King wurde auf dem South View Cemetery, einem Friedhof für Schwarze, in seiner Heimatstadt Atlanta beigesetzt. Unter den Gästen der Trauerfeier befand sich Senator Robert Kennedy.

Zwei Monate nach dem Attentat auf Martin Luther King wurden auch auf ihn tödliche Schüsse gerichtet.

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