DEMONSTRATION GEGEN CORONA-MASSNAHMEN

© APA/FLORIAN WIESER / FLORIAN WIESER

Leitartikel
11/20/2021

Winkerlstehen zur Rückkehr der Intelligenz

Die wichtigste Frage, die wir uns im Lockdown stellen sollten: Wie kommen wir aus dem geistigen Eingesperrtsein wieder heraus?

von Gert Korentschnig

Am 16. März 2020 wurde Österreich erstmals wegen Corona zugesperrt. Am morgigen Montag sperrt Österreich zum vierten, die Ostregion bereits zum fünften Mal für alle. Was haben diese 20 Monate und sechs Tage nur mit der Gesellschaft angestellt ... Es ist ein Drama.

Im ersten Lockdown gab es ein massives Bemühen um Zusammenhalt und eine emotionale Bandbreite, die von Angst vor dem Weltuntergang bis zu Aussteiger-Romantik reichte. Seiher ist die Gesellschaft, wenn man sie als Einheit begreift, zerbrochen. Sie ist auf den im psychischen Klimawandel ausgetrockneten Boden der Realität, der giftigen Egoismen, der alles verderbenden Echokammern sozialer Medien gefallen und hat sich in zwei Teile gespalten. Das alte Links und Rechts greift nicht mehr (immerhin ein Positivum!), jetzt geht es um Verantwortung für alle oder nur für sich selbst, um soziale Kompetenz oder Verweigerung. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zu Glaubensfragen, die Impfung ist da nur Stein des Anstoßes.

Nicht mehr das Virus ist das Problem, wir selbst sind es. Das sagt der Historiker Malte Thießen im Interview mit dem KURIER, und er hat völlig recht. Wäre das Virus das Problem, wüsste man in einem Land mit ausreichend Impfstoff längst, was zu tun wäre. Aber für Argumente sind viele nicht mehr zugänglich, daher hilft leider nur Zwang.

Dagegen und überhaupt gegen alles wurde am Samstag wieder demonstriert. Und wenn man liest, dass Teilnehmer allen Ernstes glauben, dass Pfizer Biontech aus Polizei-Hubschraubern auf sie gesprüht werde, ist man nur noch ratlos.

In einer Hinsicht kommt der Lockdown also im richtigen Moment: In dieser aggressiven, negativistischen, unerträglichen Situation könnte eine Auszeit auch für die emotionale Gesundung förderlich sein. Schon klar, ein frommer Wunsch ans Christkind, aber: Wir könnten darüber nachzudenken beginnen, wie wir wieder aufeinander zugehen, einander in die Augen schauen, einander verzeihen. Früher einmal gab es für schlimme Schüler Strafen wie Winkerlstehen, oder sie mussten hundert Mal aufschreiben, was sie künftig nicht mehr sagen dürften. Im Idealfall ist dieser Lockdown nun eine Art Winkerlstehen zur Rückkehr der Intelligenz.

Dass diese Ruhephase gemeinsam mit der Impfpflicht verordnet wurde, ist zwar gesundheitspolitisch argumentiert, vor allem aber psychohygienisch wohl alternativlos. Aus dieser emotionalen Sackgasse wäre die Bevölkerung – egal ob blind, erleuchtet oder anders illuminiert – kaum noch alleine herausgekommen. So weit hat uns das Virus gebracht.

Jetzt ist die Zeit, um nicht nur die Infektionszahlen, sondern auch die Aggression zu senken. Und danach braucht es eine antipopulistische Politik mit einer Mediationsfunktion, die auch mehr als nur Zahlen im Blick hat.

korentschnig.jpg
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.