Meinung
01.11.2018

Wie wäre es, heute sterben zu müssen?

Diese Tage sollten nicht nur Anlass sein, ins Halloween-Kostüm zu schlüpfen, sondern innezuhalten.

„Der Tod ist nur einen Lacher wert“, sagte Hugo Portisch einmal in einem ORF-Gespräch. Klingt zynisch? Nein gar nicht. Besser kann man es nicht sagen. Denn auch wenn wir den Tod in unserer hochzivilisierten Gesellschaft aus dem Leben ausklammern, ihn sogar als eine Art Betriebsunfall unserer allmächtigen Medizin sehen, ist er doch Teil des Lebens.

Allerheiligen und Allerseelen sind auch nach der katholischen Lehre keine Trauertage, sondern etwas Positives: Schließlich enthalten sie die Hoffnung auf Auferstehung und Wiedervereinigung mit den Verstorbenen. Die englische Rockband Coldplay drückt dieses Thema poetisch aus: „Those who are dead, are not dead. They're just living in my head.“ Ein tröstlicher Gedanke, auch für Nicht-Gläubige.

Die katholische Kirche in Europa neigt ja leider dazu, zu viel von Buße und zu wenig von Frohsinn zu reden. Wobei Papst Franziskus hier immerhin ein wenig aus der Reihe tanzt. Gestern twitterte er: „Wir brauchen lächelnde Christen, nicht weil sie die Dinge leicht nehmen, sondern weil sie erfüllt sind von der Freude Gottes, weil sie an die Liebe glauben und leben, um zu dienen.“

In Mexiko tanzt man heute auf den Gräbern, vielleicht ist das auch die bessere Trauerbewältigung. Zwar hat es das US-Halloween-Fest auch nach Europa geschafft, aber leider nur in der abgeschmackten Konsum-Variante. Natürlich wäre Allerheiligen auch ein Tag, um innezuhalten und sich ein paar vielleicht nicht so angenehme Fragen zu stellen. Was, wenn ich heute sterben müsste? Was ist mir wichtig? Mit wem oder was bin ich nicht im Reinen? Mit wem müsste ich mich noch versöhnen? Welche gute Tat schiebe ich seit Jahren auf? Ist mein Leben überladen mit sinnlosem Tand?

Eine zweite Chance? Sehr unwahrscheinlich

Autor Andreas Salcher, spezialisiert auf solche Themen, hat dieses Thema in ein Buch gepackt: „Meine letzte Stunde“. Ergreifen wir alle Möglichkeiten, die uns dieses eine Leben bietet? Denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, eine zweite Chance zu kriegen. Abgesehen davon erntet man im Alter, was man im Leben gesät hat. Ein Einzelgänger wird sich schwer tun, dann nicht allein zu sein. Natürlich ist das Thema alternde Gesellschaft ein noch immer ziemlich unterschätztes. Neue chronische Alterskrankheiten sind aufgetaucht, die man früher nicht „erlebte“, weil man schon vorher starb, etwa Demenz und Alzheimer. Wie kann man trotzdem ein gutes Leben führen? Wie geht es den (oft überforderten) Angehörigen damit? Und wie kann der Staat/die Gemeinschaft dabei helfen? Ab wann müssen wir Alte in eine Institution übersiedeln, weil sie daheim gefährdet sind? Oder berauben wir sie damit ihrer Freiheit und ihrer Würde? Heikle Fragen, die schwer, manchmal gar nicht und immer nur individuell zu beantworten sind.

Und wenn sie in diesen Tagen tatsächlich am Grab ihrer Angehörigen stehen, dann dürfen sie ruhig eine schöne Textzeile aus dem vorhin erwähnten Coldplay-Lied summen: „Time is so short and I'm sure there must be something more.“ Hoffen wird man ja noch dürfen.martina.salomon