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Meinung
12/03/2020

Trotz Lockdowns: Infektionszahlen in vielen Bezirken explodiert

Besonders in Kärnten stiegen die Neuinfektionen während des vergangenen Monats stark an. Wie kann das sein?

von Andreas Puschautz, Kevin Kada, Karl Oberascher, Michael Leitner

Es war ein "dringlicher Appell" mit Symbolcharakter, den das Land Kärnten am vorletzten Wochenende an die Bevölkerung richtete. Mitten im Lockdown fühlte sich das Land bemüßigt, die Menschen darauf hinzuweisen, sich "weiterhin an die geltenden Corona-Bestimmungen für den derzeitigen Lockdown zu halten".

Trotz strenger Regeln hatten viele Kärntnerinnen und Kärntner das strahlend schöne Spätherbstwetter für Ausflüge genutzt, vielfach ohne die geltenden Kontaktbeschränkungen einzuhalten. "Mit Nachdruck" appellierte das Land, von etwaigen Treffen mehrerer Familien, Freundeskreisen und ähnlichem abzusehen.

Ein Appell, der wohl weitgehend ungehört verhallte.

Während die Infektionszahlen im Großteil Österreichs während des harten Lockdowns – wenn auch nicht so deutlich wie erhofft – heruntergingen, geschah in manchen Regionen das Gegenteil.

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Die 7-Tages-Inzidenz für ganz Österreich sank zwischen Beginn des Lockdowns am 3. November und 1. Dezember um 23 Prozent, von 404,3 auf 311,5 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. In Salzburg stieg sie um 8 Prozent (von 444,1 auf 479,9), in Kärnten um satte 81 Prozent (von 250 auf 453,6).

Infektionen mehr als verdreifacht

Lokal gab es in mehreren Bundesländern moderate Zuwächse, aber in einzelnen Bezirken vor allem Kärntens vervielfachten sich die Infektionszahlen.

So verzeichnet der Bezirk Spittal/Drau einen Anstieg der Infektionszahlen um 345 Prozent, Wolfsberg um 193 Prozent und St. Veit/Glan um 173 Prozent.

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Insgesamt liegen sechs der zehn Bezirke mit dem stärksten Wachstum während des Lockdowns im südlichsten Bundesland, die übrigen vier (Lienz, Murau, Murtal, Tamsweg) grenzen direkt an Kärnten.

Doch wie kann das sein? Ausgerechnet in dem Bundesland, das in den ersten Monaten der Pandemie verhältnismäßig ungeschoren davongekommen war?

Das sei die "ganz große Frage", mit der man sich vor einigen Tagen auch im Koordinationsgremium des Landes beschäftigt habe, sagt Gesundheitslandesrätin Beate Prettner (SPÖ) auf KURIER-Nachfrage.

Falsche Sicherheit

Der Umweltmediziner Hans Peter Hutter von der MedUni Wien habe das Phänomen damit erklärt, dass man in Kärnten aufgrund der - lange Zeit - sehr niedrigen Zahlen wohl zu sorglos und leichtfertig mit der dynamischen Situation umgegangen sei, berichtet Prettner.

Wie im ganzen Land hat sich auch die Situation in den Kärntner Alten- und Pflegeheimen in den vergangenen Wochen dramatisch entwickelt. Konnte man das Virus ein halbes Jahr von diesen besonders sensiblen Einrichtungen fernhalten, explodierten die Zahlen seit dem ersten Fall Mitte Oktober auf aktuell 700 infizierte Bewohner und Mitarbeiter.

Gleichzeitig zeige das, dass der Anstieg nicht auf eine geänderte Teststrategie zurückzuführen sei, so Prettner. Auch im Frühling habe man alle Pflegeheime durchgetestet und keinen einzigen Fall entdeckt: "Es kann also nicht daran liegen, dass man sagt, man testet jetzt mehr."

Lienzer Bürgermeisterin steht vor Rätsel

Der Bezirk mit den zweithöchsten Infektions-Zuwächsen während des Lockdowns - und auch der zweithöchsten 7-Tages-Inzidenz Österreichs momentan - ist Lienz. "Extrem merkwürdig" findet das Bürgermeisterin Elisabeth Blanik: "Ehrlich, ich habe keine Erklärung dafür."

Sorglosigkeit wegen zuvor niedriger Infektionszahlen ist für die SPÖ-Politikerin im Gegensatz zu ihrer Kärntner Parteifreundin Prettner aber keine Begründung. "Ich bin beruflich auch häufig in Innsbruck und merke im Vergleich zu Lienz keinen Unterschied im Verhalten der Menschen", sagt sie. "Das ist mir eine zu einfache Erklärung."

Die Clusteranalysen für Osttirol würden zeigen, dass der Großteil der Ansteckungen im privaten, familiären Umfeld passiert. Offenbar gab es in Osttirol auch einige Superspreader, die jeweils bis zu 100 Personen angesteckt haben. Und auch die Vorverlegung der Sperrstunde in den westlichen Bundesländern auf 22 Uhr im September, gegen die sich Blanik damals massiv gewehrt hatte, sei sicher kontraproduktiv gewesen, "weil sich dadurch viel in den privaten, unreglementierten Bereich verschoben hat".

Das Virus kommt aus Oberösterreich

In Niederösterreich hat man hingegen eine Erklärung gefunden - aber eine ganz andere als in Kärnten. Sieht man sich das größte Bundesland genauer an, so fallen besonders westliche Bezirke auf, die während des Lockdowns eine Zunahme an Infektionen hatten. Der Bezirk Melk beispielsweise hatte eine Zunahme in der 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner von 50 Prozent. Stark angestiegen sind auch die Stadt Waidhofen an der Ybbs (29 Prozent), St. Pölten Stadt (27 Prozent) oder auch der Bezirk Amstetten (22 Prozent).

Anton Heinzel, Sprecher von Gesundheitslandesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ), erklärt dieses Phänomen so: "Gerade die westlichen Bezirke haben einen gewissen Pendlerverkehr nach Oberösterreich. Und nachdem Oberösterreich vom Coronavirus stark betroffen war, gibt es einen gewissen Austausch der Bevölkerung und so auch verschleppte Infektionen."

Bei kleineren Bezirken wie zum Beispiel Scheibbs, wo es einen Anstieg von vier Prozent während des Lockdowns gab, liegt es vor allem an der geringen Bevölkerungsdichte, so Heinzl: "Unsere Experten meinen, dass gerade in Bezirken mit niedriger Bevölkerungszahl die 7-Tages-Inzidenz schnell nach oben steigt, obwohl es nur wenige absolute Fälle gibt."

Auch die Zahl der Pflegeheime ist ein Indiz für steigende Zahlen. So habe zum Beispiel gerade der Bezirk Amstetten laut Heinzl besonders viele Cluster in Pflegeheimen. "Dadurch haben wir da auch in letzter Zeit vermehrt neue Infektionen. In Summe wird es also eine Erklärung aus all den genannten Punkten sein, warum bestimmte Bezirke angestiegen sind."

Eingeschleppte Fallzahlen

Auch in der Stadt Salzburg, wo die Infektionen während des Lockdowns um 19 Prozent angestiegen sind, macht man wie in Niederösterreich unter anderem Einpendlerinnen und Einpendler für die Zunahme verantwortlich. Zunächst habe es in den Bezirken Hallein, St. Johann im Pongau und Salzburg-Umgebung einen starken, "teils exponentiellen" Anstieg der Fallzahlen gegeben, heißt es aus dem Rathaus. Von dort wäre das Virus dann über Schulen und Betriebe in die Landeshauptstadt eingeschleppt worden.

Das sei daran zu erkennen, dass die Stadt Salzburg "keine isolierte", sondern vielmehr eine "zeitversetzt synchrone" Entwicklung genommen habe. Auch hätten sich in der Stadt keine großen Cluster ausgebildet.

Mittlerweile sei die Trendumkehr jedoch erreicht, die Stadt verzeichne mehr Genesende als Neuinfizierte.

Tägliche Tests in Kärntner Pflegeheimen

In Kärnten will man diese Trendumkehr nun mit intensiven Tests in Alten- und Pflegeheimen erreichen. Am gestrigen Mittwoch beschloss das Koordinationsgremium des Landes, ab kommender Woche sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - Pflegepersonal wie externe - täglich mit Antigentests zu testen. Seitens des Gesundheitsministeriums sind lediglich wöchentliche Tests vorgeschrieben.

Dadurch soll "jede Gefahrenquelle" ausgeschlossen werden, durch die das Virus in die Heime gelangen kann, so Gesundheitslandesrätin Prettner.

Angesichts der Tatsache, dass rund die Hälfte der bisher 241 Kärntner Corona-Todesfälle in Pflegeheimen passiert sind, sicher eine mehr als angebrachte Maßnahme.

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