Switzerland lifts a range of COVID-19 restrictions

© EPA / VALENTIN FLAURAUD

Pro und Contra
07/28/2021

Soll die Nachtgastro wegen Delta wieder zusperren?

Können wir diesen Sommer sorglos in Clubs tanzen – oder hat das Disco-Fieber zu schwere Folgen?

von Johannes Arends, Susanne Mauthner-Weber

Früh wurde die Nachtgastro geschlossen, spät wurde sie wieder aufgesperrt. Und dieses Aufsperren der Clubs war begleitet von schlechten Nachrichten: In Österreich und auch international gab es Meldungen über Disco-Cluster, die dann gleich sehr viele Menschen betrafen. Und die schwer nachzuverfolgen waren, weil nicht alle Clubs besonders viel Wert auf Registrierung und 3-G-Überprüfung legten.

Nicht zuletzt wegen der infektiöseren Delta-Variante wurden international Clubs wieder geschlossen (so sie überhaupt aufgesperrt hatten). So weit sind wir in Österreich noch nicht, doch aus den 3G-Zutrittsregeln wurden bereits 2G-Zutrittsregeln: Nur wer geimpft ist oder ein maximal 72 Stunden altes PCR-Testergebnis mitführt, darf hinein. Für Festivals ein No-Go, etliche mussten wieder abgesagt werden.

Viele Bar- und Clubbesitzer, vor allem in den Bundesländern, sahen sich seither ob des geringen PCR-Testangebots mit leeren Tanzflächen konfrontiert und mussten aus finanziellen Gründen wieder schließen. Deshalb sollen die Gurgeltests nach Wiener Vorbild auch im Rest des Landes gratis zum Einsatz kommen. Aber reicht das aus, um die Ansteckungen zu verringern? Oder sollten wir die Nachtgastronomie in Österreich gleich ganz zusperren?

Ein Pro und Contra von Susanne Mauthner-Weber und Johannes Arends:

Pro

Vergessen wir einmal die menschliche Natur, die sich in  Redewendungen wie  „In der Nacht sind alle Katzen grau“ (Im Dunkeln erscheint alles gleich[-gültig]) oder  „Bei Nacht und Nebel“ (im Geheimen) spiegelt. – Ignorieren wir auch, dass  all das, was nicht ans Licht kommen durfte, schon immer nachts geschah. – Missachten wir, dass sich bald nach Öffnung der Nachtgastronomie  Berichte über laxe Überprüfungen der Drei-G-Regel häuften. – Vielleicht haben wir auch nicht behalten, wer damals befürchtete, dass das Öffnen keine gute Idee sei. Clubbetreiber nämlich. Tenor: „Wir wollen nicht die Sündenböcke sein, wegen denen im September wieder zugesperrt werden muss.“ Und:  „Wir bewegen uns  auf ganz dünnem Eis.“ Das droht jetzt zu brechen.

Was wir dagegen keinesfalls ignorieren sollten, ist die Tatsache, wer die Nachtvögel sind – junge Menschen auf der Suche nach Begegnungen und  Umarmungen. Die nackten Zahlen zu vergessen, wäre ohnedies fahrlässig: Aktuell betreffen 70 Prozent der Neuinfektionen unter 35-Jährige. Dem gegenüber stehen Immunisierungsraten von  20 Prozent (bei 15- bis 24-Jährigen) und 30 Prozent (bei 25- bis 34-Jährigen). Wer  jetzt noch missachtet, dass  in der Nachtgastronomie   ein Infizierter oft  mehrere Hundert Kontaktpersonen nach sich zieht, hat ohnedies nichts verstanden. 

Ja: Junge Menschen haben ein geringeres Risiko, an Covid-19 zu sterben. Und nein: Das ist kein Freibrief. England klagt bereits, dass vermehrt Patienten in ihren 30ern oder gar 20ern, die körperlich fit und nicht vorerkrankt waren, auf den Intensivstationen liegen. Vielleicht sollten wir also die menschliche Natur doch nicht ganz vergessen: Angeblich haben sich  Jugendliche mit gefälschten Tests durch die Nacht gemogelt  und andere angesteckt. „Na dann, gute Nacht!“ (Redewendung für: Das ist  schlimm) ist als Replik zu wenig.

Susanne Mauthner-Weber ist Wissenschaftsredakteurin

Contra

Zuallererst will ich  herausstreichen, dass alle, die in der Nachtgastronomie bzw. Eventbranche tätig sind, in diesen Zeiten wohl am meisten leiden. Nicht nur, dass sie die Allerletzten waren, die seit dem Pandemiebeginn  wieder ihrer normalen Arbeit nachgehen durften. Ihnen werden seither auch noch alle paar Wochen neue Verordnungen hingeschleudert, um deren Einhaltung und Umsetzung sie sich in ihren Lokalen gefälligst selbst zu kümmern haben. 

So wurde aus der 3G-Regel für Clubs, Bars und Co. inzwischen die 2G-Regel. Dass das bekannte Frequency-Festival in St. Pölten, das im Normalfall bis zu 200.000 Besucher anlockt, nach mühsamster Organisation doch noch kurzfristig abgesagt werden musste, bildet den traurigen Höhepunkt. 

Nun zum emotionalen Teil. Es ist als junger Mensch kaum mehr zu ertragen, dass sich die Jugend ständig aufgrund von institutionell getroffenen Fehlentscheidungen einschränken lassen muss. Ja, momentan sind vor allem bei den Jungen steigende Infektionszahlen   zu erkennen. Aber es hat auch nur etwa ein Drittel aller 25 bis 35-Jährigen schon zwei Impfdosen erhalten. Bei denen unter 25 sind es sogar nur acht Prozent.

Viel zu lange sind die Jungen während der Pandemie links liegen gelassen worden. Zuerst gab es für diejenigen, die nicht zufällig über die Arbeit zum Stich kamen, kein Impfangebot – jetzt, wo es das vielerorts ohne Voranmeldung gibt, gibt es ob der viel zu laschen Zutrittsregeln keinen Anreiz dafür. Dass eine reine Testkontrolle in Clubs absolut fahrlässig ist, hat jeder Experte schon lange vorher verkündet. 

Die traurige Lösung: Für viele wird erst der Anreiz bestehen, sich impfen zu lassen, wenn aus der 2G-Regel eine 1G-Regel wird: Zutritt nur für Geimpfte. Dazu braucht es ein entsprechendes Impfangebot – auch am Land.

Johannes Arends ist Redakteur im Wirtschaftsressort

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