© EPA/TATYANA ZENKOVICH

Pro und Contra
08/15/2021

Sport oder Tierquälerei: Ist Pferdesport noch zu vertreten?

Pferde, die aus der Nase bluten, den Antritt verweigern oder nach Verletzungen eingeschläfert werden müssen. Seit Olympia wird besonders der Moderne Fünfkampf kritisiert.

von Florian Plavec, Silvana Strieder, Barbara Mader

Es war im Jahr 370 v. Chr. als der griechische Feldherr und Politiker Xenophon eine seiner wichtigsten Schriften verfasste: Die ethischen Leitlinien in "Über die Reitkunst" sind auch heute noch gültig. Pferd und Reiter sollen in Harmonie miteinander arbeiten, Gewalt lehnt er ab, das Tier wird immer als Individuum angesehen.

Fast zweieinhalb Jahrtausende später steht der Reitsport nach den Olympischen Spielen in Tokio in der Kritik. Grund dafür sind vor allem zwei Vorfälle: Zuerst verletzte sich das Pferd des Schweizer Reiters Robin Godel im Vielseitigkeitsbewerb. Noch am Parcours musste "Jet Set" eingeschläfert werden.

Wenige Tage später schockte ein Video nicht nur Tierschützer. Die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu hatte sich Chancen auf die Goldmedaille ausgerechnet, doch dann saß die Deutsche völlig überfordert und in Tränen aufgelöst auf dem ihr zugelosten Pferd. Könnten Pferde weinen, hätte wohl auch der Wallach „Saint Boy“ bitterlich geschluchzt. Es ist unklar, weshalb sein Widerwillen, die Hürden zu nehmen, so groß war. Klar war den Zuschauern nur, dass das Pferd so schnell wie möglich vom Schauplatz wegwollte. „Saint Boy“ verweigerte, Annika Schleu beendete den Bewerb als Letzte.

Der Situation nicht gewachsen waren Reiterin, Pferd aber auch Trainerin. "Hau mal richtig drauf! Hau drauf!", rief Bundestrainerin Kim Raisner ihrer Athletin zu – gut zu hören für ein Millionenpublikum in aller Welt. Die Empörung war groß, die Trainerin wurde von den Spielen ausgeschlossen, ihr und Schleu schlugen Anfeindungen in sozialen Medien entgegen. Auch über den Modernen Fünfkampf per se wird seither debattiert. Dabei müssen die Athleten schwimmen, fechten, laufen, Pistolenschießen und eben auch reiten – auf ihnen unbekannten Pferden, die ihnen zugelost werden.

Diese Disziplin sei grundsätzlich zu überdenken, sagen Experten. Fünfkämpferin Schleu sagt dazu im Interview mit der Wochenzeitung DieZeit: "Viele von uns Fünfkämpfern reiten sehr gern. Aber wir wissen alle, dass der Springwettkampf unsere Träume platzen lassen kann. Keiner von uns wünscht sich diese Art des dramatischen Spektakels." Gegen den Vorwurf, ihr Pferd im Wettkampf gequält zu haben, wehrt sich Schleu in dem Interview. Ungeachtet dessen hat der Deutsche Tierschutzbund am Freitag reagiert. Gegen Schleu und ihre Trainerin wurde Strafanzeige wegen Tierquälerei erstattet.

Ein Pro und Contra von Olympia-Reiterin Lea Siegl und Pferdesport-Expertin Lena Remich:

Pro

Eigentlich hat es von den olympischen Pferdesport-Bewerben sehr viele schöne Bilder gegeben. Das Gelände war für die Pferde freundlich gebaut und es gab Sicherheitshindernisse. Im Falle eines Sturzes klappen diese vorher nieder, da kann den Pferden fast nichts geschehen. Es sind dann auch wenig Stürze passiert, fast alle Teilnehmer sind gut durchgekommen, auch von Nationen, bei denen Reitsport nicht so viel zählt.  

Trotzdem spricht man fast nur von den hässlichen Bildern. Doch da muss man zwischen den beiden Fällen trennen: Die Verletzung beim Pferd des Schweizer Reiters ist beim Galoppieren passiert. Das war viel Pech und hätte auch in der Koppel geschehen können. Leider kann man so ein Pferd nach so einer Verletzung nicht mehr operieren. Der Moderne Fünfkampf ist ein anderes Thema. Da treffen Reiter, die zumeist keine Profis sind, auf Pferde, die sie nicht kennen. Das kann tatsächlich problematisch sein, wie man leider gesehen hat. Dass es auch anders geht, hat der Österreicher Gustav Gustenau gezeigt, der den Parcours völlig problemlos und mit viel Klasse ganz entspannt bewältigt hat.

Pferde wie mein Fighting Line sind genauso Sportler wie Menschen. Er freut sich auf den Bewerb, steht in der Startbox und will loslegen. Ohne diesen Rummel ist ihm fad. Er liebt den Wettkampf, sonst würde er es auch auf diesem höchsten Niveau nicht tun. Ich arbeite mit ihm seit 2015 zusammen, habe viele vertrauensbildende Maßnahmen gemacht, habe eine Verbindung zu ihm aufgebaut und wir sind zu einem Team verschmolzen. Nur so kommt man an die Spitze, niemals mit Schlägen. Das würde mir nie in den Sinn kommen.

Ich war vor dem Flug nach Tokio nervöser als mein Pferd. Ich war beim Verladen dabei, im Flugzeug haben die Pferde mehr Platz als im Anhänger. Zudem landen und starten diese Transporter extra flach. Fighting Line hat sich richtig entspannt und während des Fluges schön dösen können.

Lea Siegl, 22, nahm mit Fighting Line an den Olympischen Spielen in Tokio teil. Das Duo belegte im Vielseitigkeitsreiten Rang 15.

Equestrian - Eventing - Jumping Individual - Qualification

Contra

Wir vom "Verein gegen Tierfabriken" sind der Meinung, dass der Pferdesport nicht mehr zeitgemäß ist. Bei Olympia wird das Pferd, wie ein Fahrrad beim Triathlon verwendet, das ist sehr fragwürdig. Man braucht nur Bilder oder Videos anschauen, wie Pferde dort geritten werden. Alle haben ein Metallgebiss im Mund, als Hilfsmittel werden Sporen und Gerten verwendet, im Kutschensport sogar Peitschen. Da kann man nicht mehr sagen, dass sie da freiwillig mitmachen. 

Dazu kommt noch, dass viele Disziplinen eine Verhaltensweise vom Pferd verlangen, die überhaupt nicht artgerecht ist. "Saint Boy" war nicht das erste Pferd, das Probleme im Pferdesport bei Olympia aufgezeigt hat. Ein anderes musste nach einer Verletzung in der Vielseitigkeit eingeschläfert werden. Der Sport ist für Pferde irrsinnig gefährlich. Beim Springen im Gelände müssen sie zum Teil ins Wasser, Schlamm, über Baumstämme oder andere Hürden springen. Auch im semiprofessionellen Bereich kommt es oft zu Beinverletzungen. Die sind aber schwer zu behandeln, weil das Bein eines Pferdes nicht ruhig gestellt werden kann. Aus Irland gab es noch das Pferd Kilkenny, das stark aus der Nase geblutet hat und den Parcours trotzdem fertig reiten musste. Der Reiter gab der Hitze in Tokio die Schuld. Da stellen wir uns natürlich die Frage, warum es vor Ort niemanden gibt, der bei so etwas sofort die Alarm-Flagge hebt.

Eine unglaubliche Belastung für die Tiere sind auch die Flugzeugreisen. Um das Verletzungsrisiko zu minimieren, werden sie eng eingesperrt, die Luft ist sehr schlecht und sie kämpfen ebenfalls mit dem Druckausgleich bei Start und Landung. Ein anderes großes Problem ist die Zulosung der Pferde im Modernen Fünfkampf. Sie sind individuelle Persönlichkeiten und stellen sich nicht so leicht auf andere Reiter ein. "Saint Boy" hat klar gezeigt, dass es nicht teilnehmen will.

Die alten Traditionen werden leider immer erst hinterfragt, wenn etwas passiert.

Lena Remich, 30, ist Expertin in Sachen Pferdesport beim Verein gegen Tierfabriken und war selbst jahrelang aktive Reiterin.

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