Populismus ist kein neues Phänomen

Wer über Trump höhnt, sollte auch vor der eigenen Türe kehren und nach Gründen für den Polit-Frust suchen.

Unfähige regieren uns, während die klügsten Köpfe keine Chance auf ein politisches Mandat haben: Das ist zusammengefasst (aber meist deutlich unfreundlicher formuliert) die Meinung vieler Bürger. Sie haben – egal, ob in Europa oder in den USA – eine Sehnsucht nach unverschnörkelter Sprache und Tabubruch, nach unverbrauchten Figuren. Wir leben in einer unruhigen Phase, in der etliche politische Sternschnuppen rasch aufsteigen und wieder verglühen werden. Denn auch die Politik ist letztlich ein Job für Profis – nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten Reihe. Wie schwer diese ohne "etablierte" Netzwerke aufzutreiben sind, hat die FPÖ unter Schwarz-Blau bitter erfahren. Auch für Donald Trump ist es der erste Härtetest. Zu Recht herrscht Empörung über sein "family business". Aber sind wir in Österreich besser? Haben nicht auch in der Steiermark und in Salzburg Vater und Sohn hintereinander regiert, und sind die Rathaus-Roten nicht eine einzige große Familie, wo fast alle miteinander verwandt, verheiratet, geschieden oder Ex-Lebensgefährten sind?

Jeder fühlt sich benachteiligt

Der Grund für den großen Polit-Frust liegt in Wahrheit noch tiefer: In den USA wie in Europa verliert eine breite Masse den Glauben daran, durch eigene Arbeit zu Wohlstand zu kommen. Sparer werden durch Nullzinsen schleichend enteignet, was die Immobilienpreise aufbläst. Lohnzuwächse werden durch die kalte Progression weginflationiert. Die Armutseinwanderung, die hierzulande mit steigender Arbeitslosigkeit zusammenprallte, stellt unser Sozialsystem auf die Probe.

Die viel zitierten "Mittelschichten" werden von unten wie von oben aufgerieben. Sie müssen zusehen, wie Leute, die wenig bis gar nichts gearbeitet haben, kaum weniger Geld bekommen als so mancher Pensionist nach einem jahrzehntelangen Arbeitsleben. Gleichzeitig hören sie von sagenhaften Manager-Boni und Konzernen, die kaum Steuern zahlen. Das Gefühl, in einer ungerechten, und auch durch die Digitalisierung unübersichtlicher gewordenen Welt zu leben, hat epidemische Ausmaße angenommen. Selbst in Österreich, wo starke Umverteilung herrscht und die Einkommen verhältnismäßig gleich verteilt sind. Da ernten Rechtspopulisten nun das, was Linkspopulisten gesät haben: Diese haben den Traum von der leistungslosen Gesellschaft gepredigt und uns lange genug eingeredet, dass wir nur den Reichen nehmen und den Armen geben müssten.

Aus der Geschichte kennen wir solche Übergangsphasen. "Es passt sich aber nicht, dass einer auf des andern Arbeit hin müßig geht, reich ist und wohl lebt, während es dem Arbeitenden übel geht, wie es jetzt die verkehrte Gewohnheit ist", sagte Martin Luther. Dass er vor 500 Jahren seine Thesen gegen die korrupte Kirche ans Wittenberger Kirchentor geschlagen haben soll, ist umstritten und wird 2017, im Luther-Jahr, wohl neu diskutiert. Klar ist: Er schaute dem Volk aufs Maul, klopfte derbe Sprüche, leitete Reformen ein. War er – auch – ein Populist?

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?