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Leitartikel
01/20/2020

Parteipolitik ist nicht das größte Problem

Geht es Buchautorin Wiesinger wirklich um den "Machtkampf im Ministerium" - oder um ihr Buch?

Wenn ein Buch einen Titel trägt wie: „Machtkampf im Ministerium – Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“, dann sind Schlagzeilen garantiert. Susanne Wiesinger, die wegen ihres Aufdeckerbuches „Kulturkampf im Klassenzimmer“ vor einem Jahr ins Bildungsministerium als Ombudsfrau geholt wurde, weiß sich zu inszenieren. Im neuen Buch prangert sie die Parteipolitik in Schulen an, dass nie die Besten, sondern immer nur jene, die politisch genehm seien, in Führungsrollen kommen. Und dass sich jeder, auch sie selbst, fürchten müsse, die Wahrheit zu sagen, Stichwort: message control.

Damit trifft die langjährige NMS-Lehrerin (und ehemalige sozialdemokratische Gewerkschafterin) sicher einen Punkt. Schließlich wird jetzt ihr Engagement im Ministerium nicht verlängert, weil sie ihre Wahrheit ohne Absprache mit ihrem Dienstgeber publik macht. Nur: Sie ist ja nicht naiv, das war wohl Kalkül.

 

Dient sie damit der Sache, oder will sie nur ihr Buch verkaufen? In ihren Verbesserungsvorschlägen findet sich nämlich keiner, wie ein System geändert werden soll, in dem ein türkis besetztes Ministerium, eine SPÖ besetzte Wiener Bildungsdirektion oder eine ÖVP-dominierte Lehrergewerkschaft die eigene Linie verfolgen.

Stattdessen: Mehr Frühkindförderung, bessere Lehrerausbildung, Ganztagsschulen, eine gemeinsame Schule bis 14 und eine bessere Aufteilung der Migrantenkinder auf alle Schulen. Über all diese Punkte kann und soll man diskutieren, auch über die Rolle der Parteipolitik im Schulsystem. Wenn man aber bedenkt, dass konstant jeder fünfte Jugendliche die Schule verlässt, ohne sinnerfassend lesen zu können, muss bezweifelt werden, ob die Parteipolitik wirklich das größte Problem ist.