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Politik Inland
01/18/2020

Wutlehrerin Wiesinger patzt alle an - und muss gehen

In ihrem neuen Buch teilt sie gegen Parteipolitik aus – und stößt dabei alle vor den Kopf

von Bernhard Gaul

Susanne Wiesinger hat es wieder geschafft: Mit ihrem neuen Buch steht die Mittelschullehrerin schon am Tag vor der Präsentation im Kreuzfeuer der Kritik. Bildungsminister Heinz Faßmann zeigt sich in einer ersten Reaktion „außerordentlich irritiert“ über das Vorgehen der von ihm ernannten Ombudsfrau und lässt durchklingen, dass sie ihren Job bald los sein wird.

Aber der Reihe nach:

Nach fast dreißig Jahren im Schuldienst reichte es der in Wien-Favoriten tätigen Lehrerin Susanne Wiesinger. Sie schrieb das Buch: „Kulturkampf im Klassenzimmer – Wie der Islam die Schulen verändert. Bericht einer Lehrerin“.

Hilferuf

Das Buch wurde als „Hilferuf einer Lehrerin“ verstanden, aber auch als Bericht einer „Wut-Lehrerin“. Es erschien im September 2018. Ein Schlüsselerlebnis habe sie bewogen, das Buch zu schreiben, erklärte sie damals: Einige ihrer muslimischen Schüler hatten für den Terrorangriff auf das Pariser Satireblatt „Charlie Hebdo“ Verständnis gezeigt, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden. Auch „Ehrenmorde“ würden immer wieder von den Jugendlichen in ihrem Klassenzimmer verteidigt.

Längst gebe es keine multikulturelle Gesellschaft mehr, sondern vielmehr eine Parallelgesellschaft, sogar eine Gegengesellschaft.

Linke - ohne politische Heimat

Wiesinger bezeichnet sich selbst als „Linke“, die SPÖ sei für sie aber längst keine politische Heimat mehr und auch nicht wählbar, weil diese in Wien die Probleme an den Schulen kleinrede, ignoriere oder darüber nur intern, nicht öffentlich, diskutieren wolle.

Im Jänner 2019 holte sie Bildungsminister Heinz Faßmann ins Ministerium und ernannte Wiesinger zur neuen Ombudsfrau „für Wertefragen und Kulturkonflikte“. Schriftlich oder telefonisch kann man sich seither bei ihr melden, um Probleme zu besprechen und um Hilfe zu bitten. Wiesinger reiste zudem durchs Land, bei der „Zuhörtour“ wollte sie sich ein Bild von Brennpunktschulen in ganz Österreich machen.

Das alles sollte ab 2020 in einem jährlichen Bericht zusammengefasst werden. Doch statt eines Berichts schrieb sie ein neues Buch: „Machtkampf im Ministerium. Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“. Ab morgen, Montag, im Handel.

Rundumschlag

Allerdings: Über einen „Machtkampf im Ministerium“, der ja Grabenkämpfe der Abteilungen mit den Sektionschefs, dem Generalsekretär und dem Ministerbüro insinuiert, ist nichts zu lesen. Dafür sehr viel pauschale Kritik über Türkise, Schwarze, Rote, aber auch Blaue, über ihr Gefühl des Misstrauens im Ministerium, Blockierer in den Bildungsdirektionen (die ehemaligen Stadt- und Landesschulräte) und die Gewerkschaften (die mehrheitlich schwarz sind) als Reformverhinderer.

Spürbar in den kommenden Monaten?

Bemerkenswert der Satz: „Auch nach der für die ÖVP so erfolgreichen Wahl im September 2019 entspannte sich die Situation (im Ministerium, Anm.) nicht, im Gegenteil“, schreibt sie auf Seite 44. „Obwohl im Ministerium niemand Angst haben muss, plötzlich auf der Straße zu stehen, brachte diese Situation deutliche Verunsicherung mit sich, die ich auch in den kommenden Monaten zu spüren bekommen sollte.“ Tatsächlich ist die türkis-grüne Regierung seit elf Tagen im Amt.

Wiesinger hat, wie schon in ihrem ersten Buch, abschließend zehn Vorschläge, was nun zu tun sei: Darunter ein Fokus auf Vorschulerziehung (ist im Regierungsprogramm), Eltern einbeziehen (gibt es seit kurzem in Form von Lehrer-Eltern-Kind-Gesprächen), weniger Bürokratie, mehr Unterstützungspersonal (ist geplant), die gemeinsame Schule bis 14, Ethikunterricht für alle und mehr Ganztagsschulen (ist auch geplant).

Aus dem Ministerbüro hieß es Samstagnachmittag:

"Susanne Wiesinger hat Bundesminister Heinz Fassmann darüber informiert, dass sie während ihrer Zeit als Ombudsfrau ein Buch „Machtkampf im Ministerium“ im QVV Verlag geschrieben hat. Über diese Vorgehensweise von Frau Wiesinger ist man im Bildungsministerium überrascht und verwundert.  Bundesminister Heinz Faßmann hatte sie zur Betreuung einer neuen  Ombudsstelle für Werte- und Kulturfragen eingeladen. Er ist über die jetzige Vorgehensweise außerordentlich irritiert." 

Martin Netzer, Generalsekretär des Bildungsministeriums ergänzte: "Wir haben Frau Wiesinger ins Ministerium geholt, damit sie mit uns gemeinsam an der Bewältigung von Herausforderungen an den österreichischen Schulen im Bereich der Werte- und Kulturfragen aktiv mitwirkt. Damit sie diese Aufgabe wahrnehmen kann, haben wir für sie ein gut ausgestattetes Arbeitsumfeld geschaffen. Um ihre neue Funktion vom Ministerium unabhängig und optimal auszuüben zu können, wurde ihr darüber hinaus eine professionelle, externe Begleitung zur Verfügung gestellt. Damit sollte sie bei organisatorischen und kommunikativen Fragen und bei dem Verständnis beim Rollenwechsel von der Lehrerin in die Leitung einer Stabsstelle unabhängig unterstützt werden.“

Susanne Wiesinger habe im Februar 2019 ihre Tätigkeit aufgenommen. Ihre Tätigkeit als Ombudsfrau unter Bundesminister Heinz Fassmann dauerte etwas mehr als drei Monate. "Im Zuge der Angelobung der Übergangsregierung konnte sie ihre Arbeit fortsetzen. Bundesministerin Iris Rauskala war es wichtig, in diesem wichtigen Bereich auf Kontinuität zu setzen. „In diesen 8 Monaten gab es natürlich ein Gespräch mit ihr und keine einzige Einflussnahme auf ihre unabhängige Tätigkeit, aber auch keine Beschwerden seitens Frau Wiesinger mir gegenüber“, sagt Übergangsministerin Iris Rauskala."

Ca. 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien im Bundesministerium beschäftigt. „Wir sind uns der Herausforderungen, die ein Ministerium dieser Größe mit sich bringt sehr bewusst, aber eine pauschale Diskreditierung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ministeriums und aller nachgeordneten Dienststellen – so wie es nun im Buch von Frau Wiesinger erfolgt ist -  weisen wir entschieden zurück. Es wurde ihr vom Ministerium und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr viel Vertrauen, guter Wille und breite Unterstützung entgegengebracht. Über diesen Bruch des Vertrauens herrscht nun große Enttäuschung“, so der Generalsekretär.

Frau Wiesinger hat wiederholt den Wunsch geäußert, nach ihrer Funktion als Ombudsfrau wieder in die Schulpraxis zurückkehren zu wollen. Gemeinsam mit der Bildungsdirektion Wien, die ihre zuständige Dienstbehörde ist, wird in den nächsten Tagen darüber beraten, welche Funktion Frau Wiesinger künftig ausüben kann und wird.